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Quintilian - Institutiones - 02, 10

Wenn man in diesen ersten Aufgaben, die an sich nicht von geringem Wert sind, sondern gleichsam Glieder und Teile von größeren, gut ausgebildet und hinreichend geübt ist, ist schon beinahe der Zeitpunkt dafür gekommen, lineare Erörterungen und Gerichtsgegenstände in Angriff zu nehmen. Bevor ich auf deren Methode eingehe, muß ich noch ein wenig über die Art und Weise selbst des Übungsvortrags sprechen, welcher gewiß zwar von allem als letztes erfunden wurde, aber dafür bei weitem das Nützlichste ist.

Der Übungsvortrag beinhaltet nämlich sowohl fast alles, wovon wir gesprochen haben, als er auch ein der Wirklichkeit am nächsten liegendes Bild wiedergibt und deshalb so gefeiert wird, daß die meisten meinen, er reiche sogar allein zur Ausbildung von Beredsamkeit aus. Denn es kann nicht irgendein Vorzug – zumindest nicht in einer fortlaufenden Rede – gefunden werden, den diese nicht mit der Übungsrede gemeinsam hat. Allerdings verfällt diese Sache durch die Schuld der Lehrenden soweit, daß unter den vornehmlichen Gründen, die die Beredsamkeit verdarben, die Willkür und Inkompetenz derer waren, die Übungsreden hielten. Aber was von Natur aus gut ist, das darf man auch gut verwenden.

Es möge also sowohl der Stoff selbst, der erfunden wird, möglichst ähnlich der Wirklichkeit sein, als auch der Übungsvortrag, soweit irgend möglich, diese "Aufführungen" nachahmen, zu deren Übung er erfunden wurde. Denn Zauberer und Seuche, Orakelauskünfte und wildere Schwiegermütter als bei den Tragikern und anderes Märchenhafte mehr werden wir unter den Stipulationen und Verboten vergeblich suchen. Was also tun? Sollen wir niemals den jungen Leuten erlauben, diesen Stoff, der über das Glaubwürdige und Literarische – wie ich wirklich sagen möchte - hinausgeht, zu behandeln, damit sie abschweifen und sich an dem Stoff erfreuen und gleichsam an Umfang gewinnen?

Es wäre das Beste, aber mögen sie zwar schwülstig und aufgeblasen sein, so sind sie nicht einmal für denjenigen, der mit schärferem Blick hinsieht, dumm oder lächerlich, so daß sich, wenn man schon ein Zugeständnis machen muß, der Vortragende einmal damit füllen könnte, solange er weiß, daß er so, wie die Vierfüßler, wenn sie mit grünem Futter vollgestopft sind, durch Ablaß von Blut geheilt werden und so zu dem Futter zurückkehren, das zur Erhaltung ihrer Kräfte ausreicht, auch selbst das Fett abbauen muß und all das, was er an verdorbener Flüssigkeit gespeichert hat, herauslassen muß, wenn er gesund und stark sein will. Andernfalls wird jene überflüssige Geschwulst beim ersten Versuch einer echten Aufgabe – welcher Art auch immer – entdeckt werden.

Diejenigen aber, die die ganze Aufgabe des Übungsvorträgehaltens für verschieden von jeder Art von Gerichtsreden halten, die durchschauen in der Tat nicht einmal die Art und Weise, mit der diese Übung erfunden wurde. Denn wenn sie nicht für das Forum vorbereitet, ist sie der Darstellung auf der Bühne oder den Hetzreden sehr ähnlich. Was hat es nämlich für einen Sinn, einen Richter vorzubereiten, der keiner ist, etwas zu erzählen, von dem alle wissen, daß es falsch ist, Beweise für einen Prozess anzuführen, über den niemand eine Entscheidung aussprechen wird? Auch dies ist natürlich nur sinnlos: Aber von Zorn erfasst werden oder von Trauer bewegt zu werden ist charakteristisch für den Scherz, außer wir gewöhnen uns durch gewisse Bilder eines Kampfes an eine echte Auseinandersetzung und an ein reales Aufeinandertreffen ! Wird es also keinen Unterschied zwischen der für das Gericht typischen Art und der der Übungsredner geben?

Autor: herby78