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Aeneis - Buch 06, 398-416

[398] Dagegen spricht die Amphrysische Sibylle kurz:
"Dies ist kein solcher Hinterhalt - beweg dich nicht -
die Waffen bringen keine Gewalt; der ungeheure Pförtner darf ruhig weiter
durch die Hölle ewig bellend blutleer die Schatten erschrecken,
es ist erlaubt sittsam Proserpina zu Hause zu dienen.
[403] Der Trojaner Aeneas, gekennzeichnet durch Zeichen der Pietas und Waffen,
geht zum untersten Urvater der Unterwelt und zu den Schatten hinab.
Wenn dich das Bild vor lauter so großer Pietas nicht bewegt,
erkennst du aber den Zweig" - sie holt den Zweig hervor, den sie unter ihrem
Kleid versteckt hatte. Die infolge des Zorns angeschwollenen Herzen beruhigen sich;
und sie sagen keine weiteren Worte. Jener richtet viel später seinen
bläulichen Blick anbetend anflehend auf das Geschenk des
Schicksalzweiges und nähert sich dem Schiff und dem Ufer.
[411] Sobald er das Ufer berührte vertrieb er die anderen Seelen, die auf
der langen Querbank sitzen, und macht die Gänge des Bootes frei: gleichzeitig empfing
er auf dem Schiff den ungeheuren Aeneas. Der Kahn aus Binsen geflochten stöhnte
unter der Last und nimmt aufgrund von Rissen viel Wasser auf.
Endlich setzte er über den Fluss die unverletzte Seherin und den Mann im
formlosen morastigen Schlamm und graugrünen Schilf ab.

Autor: Martin Stangl