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Aeneis - Buch 06, 264-330 (Aeneas in der Unterwelt)

Ihr Götter, denen das Reich der Seelen gehört, ihr schweigenden Schatten und Chaos und Phlegethon, ihr weithin schweigenden Orte bei Nacht, es sei mir erlaubt, das Gehörte zu sagen, es sei mir erlaubt, mit Eurem Willen die in der tiefen Erde und im Nebel versenkten Dinge zu offenbaren. Sie gingen verborgen unter einsamer Nacht durch den Schatten und durch die leeren Häuser und Königreiche des Pluto: so ist der Weg in den Wäldern durch den unsicheren Mond und unter bösartigem Licht beschaffen, wo Jupiter den Himmel mit Schatten baute, und die schwarze Nacht nimmt den Dingen die Farbe. Vor der Eingangshalle selbst und in den ersten Schlünden des Orcus haben die Traurigkeit und die Gewissensbisse ihre Betten aufgeschlagen und wohnen die bleichen Krankheitsdämonen und das traurige Alter, und sowohl die Angst als auch der übelratende Hunger und auch die schändliche Dürftigkeit, ein Anblick von Schreckensgestalten, und auch der Tod und die Mühsal; dann Schlaf, Verwandter des Todes, und die Schadenfreude, auf der gegenüberliegenden Schwelle der todbringende Krieg, die eisernen Gemächer der Eumeniden und die wahnsinnige Zwietracht, die Schlangenhaare von blutigen Kopfbinden umschlungen. In der Mitte breitet die schattenspendende Ulme ihre Äste und sehr alten Arme aus, gewaltig, man sagt, dass die leeren Träume auf ihr sitzen, und so hängen sie unter allen Blättern. Außerdem viele Monster der verschiedenen wilden Tiere, Zentauren hausen in den Einängen und zweigestaltige Scyllen und der hundertarmige Brianeus und auch das wilde Tier von Lerna (Hydra) grausam zischelnd, und die mit Feuer bewaffnete Chimäre, Gorgonen und Harpyien und die Gestalt eines dreikörprigen Schattens. Hier ergreift der wegen des unerwarteten Schreckensgespenstes zitternde Aeneas die Waffe und zeigt den Kommenden die unnachgiebige Schärfe, und wenn die gelehrte, zarte Begleiterin nicht vor den körperlosen Leben gewarnt hätte und davor, dass sie unter dem gehaltlosen Bild der Gestalt umhierfliegen, wäre er losgestürmt und hätte vergeblich mit dem Schwert die Schatten auseinandergeschlagen. Der Weg, der hier beginnt, führt zu den Wellen des tartarischen Acheron. Hier kocht der vom Schlamm trübe Abgrund mit einem gewaltigen Wirbel und speit den ganzen Sand in den Cocytus. Diese Gewässer und die Flüsse bewacht der schreckliche, unheimlich widerwärtige Fährmann Charon, dem sehr viel ungepflegtes Haar am Bart klebt, die Augen stehen in Flammen, von seinen Schultern hängt verknotet ein schmuddeliger Umhang herab. Er bedient selbst das Floß und die Segel mit der Ruderstange und fährt die Körper mit einem rostigen Kahn hinüber, selbst ist er schon ein Greis, aber der Gott hat ein rüstiges und frisches Greisenalter. Die ganze aufewühlte Menge stürmte hierhin zum Ufer, Mütter und Männer, die das Leben aufgebrauchten Körper der großherzigen Helden, die Jungen und unverheirateten Mädchen und die Knaben, die vor den Augen ihrer Eltern auf den Scheiterhaufen gelegt wurden: Wie viele Blätter in den Wäldern bei der ersten Kälte des Herbstes herunterschweben oder von der Höhe auf die Erde hinabwirbeln, wie sich viele Vögel zusammendrängen, wo sie das kalte Jahr über das Meer in die Flucht schlägt und in die sonnigen Länder schickt. Sie standen und flehten, zuerst den Weg hinübergefahren zu werden und sie reckten die Hände aus Sehnsucht zum jenseitigen Ufer, der traurige Fährmann aber nimmt bald diese, bald jene entgegen, aber die anderen zurückgedrängten hält er vom Ufer fern. Aeneas, verwundert und vom Lärm erschreckt, sagte: “Sprich, Jungfrau, was bedeutet das Zusammenlaufen am Strom? Was wollen die Seelen? Oder nach welchem Kriterium verlassen diese in Gefahr die Flussufer, durchstreifen die anderen die dunklen Gewässer mit Rudern?” So antwortete die alte Priesterin mit wenigen Worten: “Sohn des Anchises, wahrhaftiger Nachkomme der Götter, du siehst das tiefe Meer des Cocytus und den Sumpf des Styx, die Götter fürchten, dessen Befehl zu schwören und dessen Göttlichkeit zu täuschen. Diese ganze Menge, die du siehst, ist hilflos und ohne Begräbnis; jener Fährmann ist Charon; diese, die er durch die Woge fährt, sind begraben. Bevor die Knochen im Grab ruhen, ist es nicht erlaubt, die schrecklichen Ufer und die heisere Strömung zu überqueren. Sie irren unzählige Jahre herum und schwärmen an dieser Küste umher; dann endlich erblicken die Zugelassenen das sehnlichst gewünschte Gewässer.

Autor: Nina