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Aeneis - Buch 04, 667-705

Die Häuser dröhnen vom Wehklagen und Seufzen und vom weiblichen Jammer, der Äther hallt von großen Klagen wieder, nicht anders als wenn ganz Karthago oder das alte Tyros von hineingeworfenen Feinden strömt und sich wütende Flammen durch die Dächer der Menschen und durch die der Götter wälzen. Die ihr Gesicht mit den Fingernägeln und ihre Brust mit Fausthieben entstellende Schwester hörte es, von Sinnen und im unruhigen Laufe völlig erschreckt, und sie eilte mitten durch die Menschen und ruft mit Namen die Sterbende: „Dies ist jenes gewesen, Schwester? Mich batest du mit Betrug? Dies bereiteten mir dieser Scheiterhaufen, die Feuer und Altare? Was soll ich zuerst verlassen beklagen? Hast du sterbend die Schwester als Gefährtin geschmäht? Du hättest mich zum selben Schicksal gerufen, derselbe Schmerz durch das Schwert und dieselbe Stunde hätten beide ertragen. Sogar mit diesen Händen habe ich (ihn) errichtet und habe die väterlichen Götter mit meiner Stimme gerufen, damit ich von dir Bestatteten, Schreckliche, abwesend bin? Dich und mich, Schwester, und das Volk und die karthagischen Väter und deine Stadt habe ich ausgelöscht. Gebt, dass ich die Wunden mit klarem Wasser abwasche und irgendeinen letzten Hauch mit dem Mund aufnehme, wenn er sich darüber verirrt.“ So hatte sie gesprochen und hatte die hohen Stufen erstiegen und hielt im Schoße die halbtote Schwester umarmend warm mit Schluchzen und trocknete mit dem Gewand das schwarze Blut. Jene versuchend, die schweren Augen wieder zu heben, ermattet; der sich unter der Brust eingeprägte Schmerz zischte. Sie, sich erhebend und auf dem Ellbogen stützend, hat sich dreimal erhoben, sie ist dreimal auf das Bett zurückgesunken und hat mit irrenden Augen im hohen Himmel das Licht gesucht und hat, nachdem es wieder gefunden, aufgestöhnt.
Dann hat sich die allmächtige Juno des langen Schmerzes und des schwierigen Untergangs erbarmt und hat Iris vom Olymp heruntergeschickt, die die ringende Seele und die verhafteten Glieder auflösen soll. Denn weil sie als weder sich um das Schicksal noch um den Tod verdient Gemachte starb, sondern als Elende vor dem Tag und durch plötzliches Wüten entbrannt starb, hatte jener Proserpina noch nicht das goldgelbe Haar vom Kopf gestohlen und den Kopf dem stygischen Orcus verurteilt. Deshalb fliegt die tauende Iris mit den safrangoldenen Flügeln durch den Himmel, tausend verschiedene Farben, nachdem die Sonne zugewendet worden, ziehend, herab und stand über dem Kopfe da. „Ich bringe auf Geheiß dem Pluto dieses Heiligtum und befreie dich von diesem Körper“, so sprach sie und trennt mit der Rechten das Haar und die ganze verglommene Hitze und das Leben weichen zusammen in die Winde zurück.

Autor: Seemann