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Aeneis - Buch 04, 050-112

Du fordere nun die Götter um Nachsicht und, nachdem Heiligtümer geopfert worden waren, bewillige die Gastfreundschaft und bringe Gründe des Aufschubs vor, während der Winter und der wasserreiche Orion über das Meer herwütet und die Flößer zerschlagen werden, während der Himmel nicht nachgiebig ist. Nachdem dieses gesagt worden, hat sie mit heftiger Liebe das Herz entflammt und gab dem zweifelnden Verstand Hoffnung und löste die Scham. Zuerst gehen sie zu den Heiligtümern und erbitten durch die Altare den Frieden; sie opfern der gesetzbringenden Ceres und Phoebus und dem Vater Lyaeus nach dem Brauch auserlesene Opfertiere, vor allen der Juno, welcher die ehelichen Bande zur Sorge sind. Mit der Rechten die Schale selbst haltend gießt die wunderschöne Dido es mitten zwischen die Hörner einer glänzend weißen Kuh oder geht vor dem Antlitz der Götter bei den reichen Altaren auf und ab und stellt den Opfern wieder einen Tag her und sie fragt, den Mund aufsperrend, die schnaubenden Eingeweide um Rat, nachdem die Brustkörbe des Viehs geöffnet worden sind. Ach, du der Weissager unkundiger Verstand! Was erfreuen die Opfer die Wütende, was die Heiligtümer? Inzwischen ist die Flamme im sanften Mark und unter dem Herzen lebt verschwiegen die Wunde. Die unglückliche Dido wird entbrannt und in der ganzen Stadt schweift sie wütend umher, wie eine vom Pfeil angeschossene Hirschkuh, die unvorsichtig fern zwischen den kretischen Hainen ein jagender Hirte mit Wurfgeschossen getroffen hat und des schnellen Eisens unwissend verlassen hat: Jene durchstreift in ihrer Flucht kretische Wälder und Schluchten; das todbringende Rohr bleibt in der Seite hängen. Nun führt sie Aeneas mitten durch die Mauern mit sich und zeigt die sidonischen Werke und die bereitete Stadt, beginnt zu reden und bleibt mitten in der Rede stecken; nun fragt sie zugleich, während sich der Tag dem Ende neigt, nach einem gemeinsamen Gelage und wiederum fordert sie unsinnig, die trojanischen Leiden zu hören und wiederum hängt sich am Antlitz des Erzählenden. Sobald sie sich danach getrennt haben, sowohl der verborgene Mond umgekehrt das Licht drückte, als auch die fallenden Sterne den Schlaf raten, trauert im leeren Hause die Einsame und liegt auf den verlassenen Decken. Sowohl hört als auch sieht sie jenen Abwesenden, selbst abwesend, oder hält Ascanius, nachdem das Abbild des Vaters erfasst worden, auf dem Schoße fest, als ob sie die unsägliche Liebe täuschen könnte. Die begonnenen Türme erheben sich nicht, nicht setzt die Jugend die Waffen/ das Werkzeug in Bewegung, noch bereiten sie die Häfen oder die für den Krieg sichere Bollwerke: Die Werke bleiben unterbrochen stehen, so auch die ungeheuren Zinnen der Mauern und die dem Himmel gleichkommende Belagerungsmaschine.
Sobald die liebe Gattin Juppiters deutlich wahrnahm, dass diese von solch beschaffenem Unheil gehalten wird und dass das der Ruf dem Wüten nicht im Wege steht, geht Saturnia mit solch beschaffenen Worten zu Venus heran: „Sowohl du, als auch dein Junge (groß und gepriesen sei die göttliche Macht), ihr tragt aufrichtig ausgezeichnetes Lob und bedeutende Rüstungen, wenn diese eine Frau durch die List zweier Götter besiegt ist. Und nicht täuscht es mich so sehr, dass du unsere Mauern als verdächtige Häuser des hohen Karthagos gefürchtet hast. Welches Maß aber wird sein, oder von welchem so großen Streit wird es nun sein? Warum setzen wir nicht lieber den ewigen Frieden und die befriedeten Hochzeitsfackeln in Bewegung? Du hast, was du von ganzem Herzen erbittet hast: Dido, liebend glüht sie und zieht durchs ganze Mark das Wüten. Also mögen wir dieses Volk als ein gemeinsames und nach gleichen Auspizien regieren; es soll gestattet sein, dem phrygischen Gatten zu dienen und die zur Mitgift gehörigen Karthager deiner Rechten anzuvertrauen.“ Jener (denn sie fühlte die von geheucheltem Verstande Redende, wodurch sie das Reich Italiens zu den libyschen Küsten wegwenden würde) hat Venus auf diese Weise entgegnet: „Welcher Verrückte würde derartiges abschlagen oder mit dir lieber im Krieg kämpfen wollen? Wenn gerade das, was du erwähnst, gemacht worden, soll das Schicksal folgen. Aber bezüglich der Schicksale werde ich unsicher getragen, ob Juppiter es will, dass sowohl den Karthagern als auch den von Troja Aufgebrochenen eine Stadt sein soll, oder es billigt, dass die Völker vermischt werden oder Bündnisse geschlossen werden. Du bist seine Gattin, dir ist das Gebot, das Herz durch Bitten anzugreifen. Gehe fort, ich will folgen.“

Autor: Seemann