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Aeneis - Buch 02, 706ff (Crëusa mater et coniunx)

"Also wohlan, mein teurer Vater, setz dich auf meinen Nacken; ich selbst werde dich auf die Schultern nehmen und diese Last wird mich nicht beschweren; was immer auch kommt, für uns beide wird es eine einzige, gemeinsame Gefahr, eine einzige Rettung geben. Der kleine Julus soll mein Begleiter sein und im Abstand (soll) die Gemahlin meinen Spuren folgen!" Und schon näherte ich mich den Toren und schien den ganzen Weg zurückgelegt zu haben, da schien plötzlich mannigfacher Lärm von Fußtritten an meine Ohren zu dringen und der Vater durch das Dunkel Ausschau haltend ruft: "Mein Sohn, fliehe mein Sohn! Sie kommen ich sehe funkelnde Schilde und blitzendes Erz." Da entriß irgendeine feindliche Gottheit mir aufgeregten den verwirrten Sinn. Denn während ich Seitenwege im Laufschritt einschlug und bekannte Wege verließ, ach, da blieb meine Gattin Crëusa zurück, ob mir unglücklichen durch das Schicksal entrissen, ob sie vom Weg abkam oder sich ermüdet niedersetzte, ist unsicher, und hernach sahen sie meine Augen nicht wieder. Und nicht früher schaute ich nach der Verlorenen um und dachte an sie, bis wir zum Hügel und geweihten Sitz der altehrwürdigen Ceres kamen; da erst, als alle versammelt waren, fehlte sie als einzige und blieb den Begleitern, dem Sohn und dem Mann verborgen. Ich selbst eile zurück in die Stadt und umgürte mich mit den blitzenden Waffen. Ich bin entschlossen, alle Gefahren von neuem zu bestehen, durch ganz Troja zurückzueilen und mich wiederum den Gefahren auszusetzen. Ja ich wagte sogar durch die Finsternis zu rufen, füllte die Gassen mit meinem Geschrei und traurig wiederholte ich vergeblich den Namen Crëusa und rief sie immer wieder. Während ich sie suchte und unaufhörlich durch die Häuser der Stadt stürmte, erschien mir vor Augen die unglückselige Erscheinung, der Geist meiner Crëusa selbst und ihre Gestalt, größer als sie mir bekannt war. Ich erstarrte, die Haare standen mir zu Berge und die Stimme stockte in der Kehle. Dann sprach sie mich so an und nahm mir mit folgenden Worten die Sorgen: "Warum macht es dir so großes Vergnügen, dich wahnsinnigem Schmerz hinzugeben, o süßer Gatte? Nicht geschieht das ohne Willen der Götter; und nicht läßt es göttliches Recht zu, noch jener Herrscher des hohen Olymp, daß du Crëusa als Begleiterin von hier mitnimmst. Lange mußt du in der Fremde sein und die öde Fläche des Meeres durchfahren; und du wirst ins Abendland kommen, wo der lydische Tiber zwischen den an Männern reichen Fluren in langsamer Strömung dahinfließt. Dort ist dir Glück, ein Königreich und eine königliche Gattin beschert: beweine die geliebte Crëusa nicht mehr! Nun lebe wohl und bewahre die Liebe zum gemeinsamen Sohn!" Sobald sie das gesagt hatte, verließ sie mich, der ich weinte und noch vieles sagen wollte, und verschwand in die zarten Lüfte.

Autor: OstR. Prof. Mag. Dr. Franz KREMSER