Germania - 28-30

28 Stärker seien einst die Gallier gewesen, berichtet der höchste Zeuge, der göttliche Iulius, deshalb ist es glaubhaft, dass auch Gallier nach Germanien übergesetzt sind. Wie wenig nämlich stand der Strom im Wege, dass immer wenn ein Stamm stark geworden war, greift er an und er wechselt die gemeinschaftliche Heimat außerdem auch mit dem, der in keinem Machtbereich von Königen aufgeteilt war. Wie gesagt zwischen dem Hercynischen Wald und dem Rhein und Main hatten die Helvetier, ferner die Boier, beide ein gallisches Volk, geherrscht. Geblieben ist bis jetzt der Name Boihaemum und zeigt des Ortes alte Geschichte, wenn auch die Bewohner gewechselt haben. Aber ob die Araviscer nach Pannonien von den Oser oder die Oser von den Araviscer nach Germanien gewandert sind, mit diesen gebrauchen sie bis jetzt die Sprache, Einrichtungen und Sitten, ist unsicher, jene gleiche Not und auch Freiheit dieser waren einst auf beiden Ufern gut und schlecht. Die Treverer und Nervier sind im Streben nach dem germanischen Ursprung überaus ehrgeizig, als ob durch dieses ruhmvolle Blut sie von der Ähnlichkeit und Trägheit der Gallier abgesondert werden. Am Ufer des Rheines selbst wohnen ohne Zweifel germanische Völker, die Vangionen, die Triboker und Nemeter. Nicht einmal die Ubier, obgleich sie den Anspruch erworben haben, eine römische Kolonie zu sein und auch lieber Agrippinenser, nach dem Namen des Gründers, genannt werden, schämen sie sich der Herkunft, sie sind seit langem hinübergegangen und mit der erprobten Treue direkt am Ufer des Rheines angesiedelt, damit sie abhalten, nicht damit sie überwachen.

29 Von allen diesen Stämmen sind besonders Tapfer die Bataver, sie bewohnen nicht viel vom Ufer, sondern eine Insel im Strom des Rheines, einstmals ein Volk der Chatten und nach einem inneren Zwietracht, in diese Heimat ausgewandert sind, in welcher sie zu einem Teil des römischen Reiches werden sollten. Es ist die Ehre und die alten Auszeichnungen der Bundesgenossen; denn weder durch Tribute werden sie verspottet, noch schwächt sie ein Steuerpächter. Befreit von Steuern und Beiträgen sind sie wie Geschossen und auch Waffen für Kriege aufbewahrt. In eben diesem Gehorsam ist auch der Stamm der Mattiacer; nämlich die Größe des römischen Volkes hat die Ehrfurcht über den Rhein und über die alten Grenzen des Reiches ausgedehnt. So leben sie als Heimat und Grenze, an ihrem Ufer, in Wesen und Geist wie wir, im übrigen den Batavern ähnlich, außer dass eben allein ihre Erde und der Himmel sie noch schärfer beseelt. Nicht aufzählen unter das germanische Volk möchte ich, obwohl sie jenseits des Rheins und der Donau siedeln, diese, welche Äcker bestellen; die allerzartesten der Gallier, von der Not kühn, besetzen den Ackerboden durch Zweifel des Besitzes; bald durch einen errichteten Grenzwall und durch Wachsoldaten erweitert, werden sie als Kessel des Reiches und Teil der Provinz gehalten.

30 Weiter von diesen beginnt der Anfang der Heimat der Chatten ab dem Hercynischen Wald, nicht so weit ausgedehnt und auch sumpfig ist das Gelände wie das der übrigen Stämme, auf welche sich Germanien erstreckt, allerdings sind Berge vorhanden, sie werden allmählich seltener, und seine Chatten begleitet der Hercynische Wald solange bis er abnimmt. Die abgehärteten Körper des Volkes, straffe Glieder, ein drohender Gesichtsausdruck und ziemlich große Kraft des Geistes. Mit Viel, wie es bei den Germanen ist, sind sie von der Überlegung und auch der Geschicklichkeit: sie stellen Auserwählte voran, hören auf Vorangestellte, kennen Ordnung, nehmen Gelegenheiten wahr, verschieben einen Angriff, bestimmen den Tag, schützen sich in der Nacht, zählen das Glück zum Zweifelhaften, Tapferkeit zum Sicheren, was sehr selten und in der Tat der römischen Ordnung erlaubt ist und setzen mehr auf den Anführer als auf das Heer. Alle Kraft ist im Fußvolk, welches sie außer Waffen aus Eisen auch mit Proviant beladen; die anderen siehst du in den Kampf gehen, die Chatten in den Krieg. Selten sind Streifzüge und planlose Kämpfe: den berittenen Truppen ist in der Tat diese Eigenheit, dass sie sich schnell den Sieg verschaffen und schnell sich zurückziehen; Schnelligkeit ist ebenso gut wie Schrecken, Zögern ist näher an Standhaftigkeit.

Autor: manlius-severus