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Germania - 19-21

19 Also leben sie in geschützter Keuschheit, durch keine verführerischen Schauspiele, durch keine aufreizenden Gelagen verführt. Geheime Briefe sind den Männern wie ebenso den Frauen unbekannt. Sehr gering, so sehr die Zahl des Volkes ist, ist der Ehebruch, welchem die Strafe augenblicklich folgt und dem Ehemann überlassen ist: der Ehemann schneidet das Haar, entblößt sie, vor aller Augen der Verwandten wirft er sie aus dem Haus raus und treibt sie mit Schlägen auch durch das ganze Dorf; nämlich für öffentliche Schamhaftigkeit ist keine Nachsicht: nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Reichtum wird sie einen Ehemann bekommen. Niemand nämlich lacht dort über Laster, noch verführen und sich verführen lassen heißt Menschenart. Gut freilich ist es bei diesen Stämmen, in welchen nur Jungfrauen heiraten und die Hoffnung und das Gelübde der Ehefrau nur ein Mal erlebt wird. So nehmen sie einen Ehemann an, gleichsam wie sie einen Körper und ein Leben haben, damit kein weiterer Gedanke ist, damit die Begierde nicht länger ist, damit sie gleichsam nicht den Ehemann, sondern die Ehe lieben. Die Anzahl der Kinder zu begrenzen oder irgendein nachgeborenes Kind zu töten hält man für eine Schandtat, und mehr gelten dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.

20 In jedem Haus wachsen sie nackt und auch schmutzig zu den Gliedern, zu den Körpern, über welche wir staunen, heran. Die eigene Mutter stillt, und sie überlassen es nicht den Mägden und Ammen. Herr und Sklave kann man durch keine Annehmlichkeiten in der Erziehung unterscheiden: zwischen dem selben Vieh, auf dem selben Boden wachsen sie auf, bis das Lebensalter die Freigeborenen trennt und man die Mannhaftigkeit erkennt. Spät ist der Jugend die Liebe, und deshalb ist die Manneskraft ungeschwächt. Und man ist auch nicht mit den Jungfrauen eilig; ihnen ist die selbe Jugend, der gleiche hohe Wuchs; gleich und kräftig werden sie vereinigt, und auch die Stärken der Eltern spiegeln sich in den Kindern wieder. Der Schwester Kinder ist die selbe Wertschätzung beim Onkel, wie beim Vater. Einige erachten diese Verbindung des Blutes heiliger und enger und fordern mehr bei der Annahme von Geiseln, und als ob die Gesinnung stärker und die Familie größer zu halten sei. Erben und Nachfolger sind trotzdem seine eigenen Kinder, auch gibt es kein Testament. Wenn es keine Kinder gibt, ist der nächste Grad im Besitzrecht Brüder väterlicherseits und Onkel mütterlicherseits. Je mehr Verwandte , je größer die Zahl der Schwäger ist, desto angenehmer ist das Alter; und Kinderlosigkeit ist keinem ein Lohn.

21 Aufrechterhalten muss man auch die Feindschaft seines Vaters, seines Verwandten, wie die Freundschaften. Jedoch härten sie nicht unversöhnlich aus; es wird nämlich auch ein Totschlag durch eine bestimmte Anzahl an Großvieh und Kleinvieh gesühnt, und die Buße nimmt die ganze Familie an, zum Nutzen der Gemeinschaft, diese Feindschaften sind gefährlicher durch die unmittelbare Freiheit. Geselligkeit und Gastfreundschaft umsorgt kein anderes Volk übertriebener. Irgendeinen Sterblichen fernzuhalten von dem Haus hält man für Frevel; nach dem Vermögen jedes einzelnen folgt ein üppiges Gastmahl. Wenn beendet, wird der, der eben Gastgeber gewesen war, zum Wegweiser einer Unterkunft und Wegbegleiter; sie gehen zum nächsten Haus ohne eingeladen zu sein. Und es ist auch nicht wichtig: mit gleicher Menschlichkeit werden sie aufgenommen. Zwischen einem Bekannten und einem Unbekannten, soweit es um das Gastrecht geht, macht niemand ein Unterschied. Beim weggehen, wenn was gefordert wird, überlässt man es nach der Sitte, und im Gegenzug fordert man mit der selben Leichtigkeit. Sie freuen sich über Gaben, aber noch rechnen sie das Gegebene an, noch verpflichten sie das angenommene.

Autor: manlius-severus