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Annales - 06, 50-51

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Schon hatten den Körper des Tiberius die Kräfte verlassen, nicht aber seine Kunst der Verstellung:
in seinem Herzen blieb der alte Starrsinn; durch seine Worte und seine Miene in angespannter Haltung, wollte er manchmal durch gesuchte Heiterkeit seine dennoch offensichtliche Schwäche verbergen. Nachdem er die Orte schon häufiger gewechselt hatte, ließ er sich schließlich bei einem Vorgebirge in Misenum in einem Landhaus nieder, dessen Herr einst Lucius Luculus war.
Dass jener kurz vor seinem Tode stand, erfuhr man folgendermaßen: Es gab einen Arzt, der ob seines Könnens berühmt war: Er hiess Charicles. Er war zwar gewöhnlich nicht dafür zuständig, die Krankheiten des Kaisers zu kurieren, doch gab er ihm des öfteren einige Ratschläge.
Dieser gab vor, er wolle zu persönlichen Geschäften aufbrechen und indem er seine Hand umfasste, so, als wolle er sich verabschieden, fühlte er den Pulschlag seiner Adern.
Doch er konnte Tiberius nicht täuschen:
denn Tiberius- es ist nicht klar, ob er sich darüber ärgerte oder ob er eher seinen Zorn unterdrückte- befahl Speisen aufzutragen und legte sich mehr als gewöhnlich hin, so als ob er einem scheidenden Freund eine Ehrbekundung zuteil werden liesse.
Charikles bestätigte dem Acro gegenüber dennoch, dass dessen Atem immer schwächer werde und er nicht mehr als zwei Tage zu leben hätte. Hierauf wurde alles schnell in die Wege geleitet: Unter den Anwesenden wurden Gespräche geführt, während bei den Stadtpräfekten und beim Heer Boten vorstellig wurden.
Am 16. März glaubte man, er sei erstickt und habe den Tod gefunden. Gajus Cäsar trat heraus, während viele Menschen zusammenströmten, um ihm zur Übernahme der Reichsinsignien zu beglückwünschen, als plötzlich die Nachricht eintraf, Tiberius könne wieder sprechen und sehen und habe nach Leuten gerufen, die ihm Speisen bringen sollten, damit er sich wieder von seiner Schwäche erholen könne.
Da ergriff alle Furcht und die übrigen verteilten sich überall; jeder gab vor zu trauern oder stellte sich ahnungslos;
Cäsar aber verharrte still und erwartete, in seinen hohen Erwartungen getäuscht, das Schlimmste.
Macro freilich zeigte sich unerschrocken: Er gab den Befehl dass der alte Mann mit vielen Kissen, die über ihn geworfen werden sollten, erstickt werde und dass man daraufhin die Schwelle verließ. So starb Tiberius im Alter von 78 Jahren.

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Sein Vater war Nero, der sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits vom Geschlecht der Claudier abstammte, obwohl seine Mutter durch Adoption in die livische und bald in die julische Familie der Julier eingetreten war. Von früher Kindheit an war sein Schicksal wechselhaft;
denn als Verbannter folgte er seinem geächteten Vater; sobald er aber als Stiefsohn in die Familie des Augustus eingetreten war, hatte er mit vielen Rivalen zu kämpfen, solange Marcellus und Agrippa und bald darauf die Kaiser Gajus und Lucius am Leben waren.
auch sein Bruder Drusus war bei den Bürgern recht beliebt.
Doch hatte er vor allem nach seiner Hochzeit mit Julia einen schweren Stand, da er vor der Wahl stand, entweder ihre Unkeuschheit ertragen oder sich von ihr lossagen zu müssen.
Dann, als er aus Rhodos zurückgekehrt war, nahm er für zwölf Jahre seinen Platz im verwaisten Kaiserhaus ein und hatte etwa 23 Jahre lang die Herrschaft inne.
Auch hatte er zu unterschiedlichen Zeiten einen anderen Charakter: Er führte ein vorbildliches Leben und hatte einen tadellosen Ruf, solange er als Privatmann dem Augustus diente;
doch war er, solange Germanicus und Drusus noch lebten verschlossen und raffiniert, wenn es darum ging, Tugenden vorzugaukeln; ebenso bewegte er sich in der Zeit zwischen Gut und Böse, als seine Mutter wohlauf war.
Verabscheunswert war er durch seine Grausamkeit, solange er Seianus schätzte und fürchtete, doch gelang es ihm seine Begierden zu verbergen: Schließlich aber ließ er sich zu Verbrechen und Schandtaten zugleich hinreissen und nachdem er jede Scheu und Angst abgelegt hatte folgte er einzig und allein seinem wahren Wesen.

Autor: cumba