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Epistulae Morales Ad Lucilium - 112

[1] Ich wünsche beim Hercules dein Freund werde geformt, wie du es ersehnst und er werde unterwiesen, aber er erweist sich als sehr stur; vielmehr, was noch unerfreulicher ist, erweist er sich als verweichlicht sowie von schlimmer und langer Gewohnheit verdorben. Ich will dir aus unserem Arbeitsgebiet ein Beispiel berichten:

[2] Nicht jeder Rebstock verträgt das Pfropfen: wenn er alt und vertrocknet ist, wenn schwach und dünn, nimmt er den Setzling entweder nicht an oder ernährt ihn nicht, lässt ihn weder bei sich anwachsen, noch geht er in dessen Beschaffenheit und Eigenart über; daher pflegen wir ihn über der Erde abzuschneiden, sodass man, wenn er nicht der Erwartung entspricht, sein Glück ein zweites Mal versuchen kann, und ihn beim erneuten Versuch unter der Erde einpfropft.

[3] Der Mann, von dem du schreibst und mir empfiehlst, besitzt keine Kräfte: er hat sich Lastern hingegeben. Zugleich ist er entkräftet und verhärtet: er kann keine Vernunft annehmen, er kann sie nicht nähren. „Aber er wünscht es selbst.“ Glaub es nicht! Ich sage nicht, dass er dich anlügt: er meint, er wünsche es. Schlechte Laune hat ihm das Wohlleben verursacht: schnell wird er sich wieder mit ihm aussöhnen.

[4] „Doch er sagt, er leide unter seinem Leben.“ Das will ich nicht bestreiten: wer nämlich leidet nicht darunter? Die Menschen lieben ihre Fehler und hassen sie zugleich. Dann also werden wir unser Urteil über ihn abgeben, wenn er uns Vertrauen gegeben hat, dass ihm das Wohlleben schon verhasst ist: im Augenblick kommen sie nur schlecht miteinander aus. Leb wohl!

Eingereicht durch: Raybez

Danke an Bugday!