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Epistulae Morales Ad Lucilium - 093, 01-12

1.) In dem Brief, in dem du über den Tod des Philosophen Metronax klagtest, so wie er auch hätte länger leben können und müssen, habe ich deine eben Lage/ deinen Gleichmut, der dir in der ganzen Person, in der ganzen Arbeit übrig ist, der in der einen Sache fehlt, in welcher (er) allen (ist): Ich habe viele gleiche gegenüber/neben den Menschen gefunden, niemanden gegenüber/ neben den Göttern. Täglich tadeln/ mahnen wird das Schicksal: „Weshalb ist jener in dem mittleren Kurs geraubt worden? Weshalb wird jener nicht geraubt? Weshalb erweitert es das hohe Alter ihm selbst und das gewichtige/ schwere den anderen?“

2.) Ich bitte dich inständig, ob du in billigerer Weise urteilst, dass du der Natur gehorchst oder das die Natur dir gehorcht? Aber was ist dazwischen, wie rasch du herausgehst, von wo es zumal herausgegangen werden muss? Es muss nicht gekümmert werden, dass wir lange leben, sondern dass wir genug leben; denn das Schicksal ist nötig, damit du lange lebst, damit du genug lebst, dein Geist. Ein Leben ist lang, wenn es voll ist; aber es wird angefüllt, wenn der Geist sich sein Gut zurückgegeben und die Macht des Seinen zu sich hinübergetragen hat.

3.) Was erfreuen jenen 80 durch die Trägheit verbrachte Jahre? Dieser hat nicht gelebt, sondern er hat sich im Leben aufgehalten, und er ist nicht spät gestorben, sondern früh. „Er hat 80 Jahre gelebt.“ Es ist dazwischen/ Es ist ein Unterschied, von welchem Tag du den Tod dessen zählst. „Aber jener ist früh gestorben.“

4.) Aber er hat die Pflichten/ Aufgaben des guten Bürger, des guten Freundes, des guten Sohnes erstrebt; an keinem Teil hat er es fehlen lassen; es ist erlaubt, dass das Alter dessen unvollendet ist, das leben ist vollendet. „Er hat 80 Jahre gelebt.“ Im Gegenteil, er ist in 80 Jahren gewesen, außer du sagst, dass dieser gelebt hat, wie man sagt, dass Bäume leben. Ich bitte dich inständig, Lucilius, wir mögen dies treiben, dass, wie die Kostbarkeiten der Dinge so unser Leben, es nicht viel offen steht, sondern viel Gewicht hat; wir mögen jenes nach Tat, nicht nach Zeit beurteilen. Du willst wissen, was zwischen diesem Lebhaften und toten Verächter des Schicksals mit allen Bemühungen des menschlichen Lebens und in das höchste Gut dessen hinausgeführten und jenem, dem viele Jahre hinübergeschickt worden sind dazwischen ist? Der eine ist jedenfalls nach dem Tod, der andere vor dem Tod umgekommen.

5.) Deshalb mögen wir diesen loben und in die Zahl der Glücklichen zurückstellen, dem, wie wenig auch immer der Zeit zuteil geworden ist, es gut aufgestellt worden ist. Denn er sah das wahre Licht; er ist nicht einer aus vielen gewesen; und er hat gelebt und ist lebenskräftig gewesen. Einst hat er heiteres Wetter gebraucht/ hat er das heitere Wetter genossen, einst, wie er pflegt, hat der Glanz des wirksamen Sterns durch das trüber Wetter hervorgeleuchtet. Was suchst/ fragst du, wie lange er gelebt hat? Er lebt: Bis zu den Nachkommen ist er hinübergegangen und hat sich in die Erinnerung gegeben.

6.) Und deshalb möge ich nicht verweigert haben, mir mehrere Jahre heranzurücken/ dazuzunehmen; ich möge sagen, dass mir dennoch nichts zum guten Leben gefehlt hat, wenn der Zeitraum dessen beschneidet wird; denn ich habe mich nicht zu diesem Tag angepasst, den mir die gefräßige Hoffnung als letzten versprochen hatte, sondern ich habe keinen nicht so wie den letzten angesehen. Was fragst du mich, wann ich geboren bin, ob ich noch immer unter den Jungen zähle. Ich habe mein/ das meine.

7.)Wie ein Mensch in kleinerer gestalt des Körpers vollendet sein kann, so kann auch das Leben in kleinerem Maß der Zeit vollendet sein. Das Alter ist zwischen auswärtigen Dingen. Wie lange ich bin, ist fremd: Wie lange ich sein werde, damit ich wahr/ auf wahre Art und Weise bin, ist das Meine. Dies vertreibe von mir, dass ich nicht durch die Finsternis hindurch eine unbekannte lange Dauer durchwandere, dass ich das Leben treibe/ ein Leben führe, nicht dass ich vorbeiziehe.

8.) Du fragst, was der größte Zeitraum des Lebens ist? Bis zur Weisheit zu leben; welcher zu jener gekommen ist, hat nicht das längste Ziel, sondern das größte berührt. Jener aber möge sich rühmen und den Göttern danken und unter diesen sich selbst, und er möge de Natur der Dinge anrechnen, dass er gewesen ist. Denn mit Recht wird er anrechnen: Jenem hat sie ein besseres Leben zurückgegeben, als er empfangen hat. Sie hat ein Ebenbild des guten Mannes gesetzt, sie zeigte, wie beschaffen und wie groß er war; wenn sie irgendetwas hinzugefügt hätte, würde es ähnlich dem Vergangenen gewesen.

9.) Und dennoch, wie lange leben wir? Wir haben die Erkenntnis aller Dinge genossen: Wir wissen, von welchen Anfängen die Natur sich erhebt, wie sie die Welt ordnet, durch welche Wechsel sie das Jahr zurückruft, wie sie alle Dinge, die ununterbrochen waren, eingeschlossen hat und sich selbst das Ende/ Ziel Ihrer gemacht hat; wir wissen, dass die Sterne in ihrem heftigen Verlangen schreiten, dass außer der Erde nichts steht, dass die übrigen Dinge in ununterbrochener Schnelligkeit eilen; wir wissen, wie der Mond an der Sonne vorübergeht, weshalb der Langsamere die Schnellere hinter sich zurücklässt, auf welche Weise er das Licht empfängt oder verliert, welche Ursache die Nacht hineinführt, welche (Ursache) den Tag zurückführt: Bis dorthin muss gegangen werden, wo du diese Dinge näher erkennst/ erblickst.

10.) „Und nicht“, sagt jener Weise, „gehe ich mit dieser Hoffnung tapferer heraus, dass ich urteile, dass mir zu meinen Göttern der Weg offen steht. Allerdings habe ich es verdient zugelassen zu werden und schon bin ich unter jenen gewesen und habe meinen Geist dorthin geschickt und jene haben ihren zu mir geschickt. Aber glaube, dass ich aus dem Weg geräumt werde und dass nach dem Tod nichts vom Menschen übrigbleibt: Gleich/ Ebenbürtig habe ich einen großen Geist, sogar wenn ich, der nirgends im Begriff ist hinüberzugehen, scheide.“ Er hat nicht in so vielen Jahren gelebt, wie er konnte.

11.) Und das Buch ist von wenigen Versen und freilich muss es gelobt werden und ist nützlich: Du kennst die Annalen des Tanusus, wie sie inhaltsreich sind und was sie gerufen werden. Dadurch ist das Leben einiger lang, und weil sie den Annalen des Tanusus folgen.

12.) Beurteilst du etwas diesen glücklicher, der am letzten Tag des Amtes getötet wird, als den, der in der Mitte des Amtes getötet wird? Glaubst du etwa, dass irgendjemand so dumm begierig nach dem Leben ist, dass er lieber in der Mördergrube/ im Umkleideraum als auf dem Kampffeld/ in der Arena ermordet wird? Wir gehen als der eine dem andern nicht in größerem Zeitraum voraus. Der Tod kommt durch alle; welcher umkommt, folgt dem Umgekommenen nach. Es ist am wenigsten, über welchen/ über welche Sache es am beunruhigendsten getrieben wird. Was aber erstreckt sich bis zu der Sache, wie lange du meiden mögest, was du nicht vermeiden kannst? Leb wohl.

Autor: mike