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Epistulae Morales Ad Lucilium - 089

1.) Du erstrebst die nützliche Sache und sehnst dich nach der dem Eilenden nötigen Weisheit, ich habe die Philosophie geteilt und den ungeheuren Körper dieser in Glieder geordnet; denn durch die Teile werden wir in die Erkenntnis der ganzen leichter herangeführt. Wie zum Beispiel doch das ganze Aussehen der Welt freilich in den Anblick/ in das Erblicken hinein kommt/ vor Augen tritt, so könnte die ganze Philosophie uns entgegentreten, das der Welt sehr ähnliche Schauspiel! Denn in der Tat würde sie alle Sterblichen in die Bewunderung ihrer (selbst) rauben/ entführen, nachdem diese Dinge zurückgelassen worden waren, welche wir nun durch die große Unkenntnis der großen Dinge glauben. Aber weil dies nicht gelingen kann, ist sie uns so zu betrachten/ müssen wir sie so betrachten wie die geheimen Dinge der Erde erkannt werden/ wahrgenommen werden.

2.) Freilich umarmt der Geist des Weisen die ganze Masse dieser und nicht besucht er jene weniger schnell als unser Blick den Himmel; aber uns, denen der Nebel/ die Finsternis zu durchbrechen ist und deren Blick in nächster Nachbarschaft/ im nächsten Punkt fehlt, können alle einzelnen Dinge leichter gezeigt werden, noch nicht des Ganzen/ Gesamten geeignet. Folglich werde ich machen, was du erfragst, und werde die Philosophie in Teile, nicht in allzu kleine Teile teilen. Es ist nützlich, denn ich habe jene geteilt, nicht habe ich sie zerstückelt.; denn wie es schwierig ist, die sehr großen Dinge zu erfassen/ zu begreifen, so ist es schwierig, die sehr kleinen Dinge zu erfassen/ zu begreifen.

3.) Das Volk wird in Tribus aufgeteilt, das Heer in Zenturien; was auch immer in das Größere gewachsen ist, es wird leichter anerkannt, wenn es sich in Teile getrennt hat, von denen, wie ich gesagt habe, es sich nicht gehört, dass sie unzählig und sehr klein sind. Denn dasselbe des Fehlers hat eine sehr große und deshalb keine Teilung: Es ist dem Verwirrten ähnlich, was auch immer bis in den Staub hinein zerschnitten worden ist.

4.) Deshalb werde/ möge ich zuerst, wenn es dir richtig erscheint, sagen, was zwischen der Weisheit und der Philosophie ist. Die Weisheit ist das vollendete Gut des menschlichen Verstandes; die Philosophie ist die Liebe zur Weisheit und das Streben nach Weisheit: Diese eilt dorthin, wohin jene gekommen ist. Woher Philosophie gesagt worden ist, ist offenkundig; denn durch den Namen selbst gesteht sie, was sie liebt.

5.) Einige haben die Weisheit so eingegrenzt/ bestimmt/ definiert, indem sie sie als Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge sagten; einige so: Die Weisheit ist die göttlichen und menschlichen Dinge und die Gründe/ Ursachen dieser zu wissen. Diese Hinzufügung scheint mir unnütz, weil die Gründe/ Ursachen der göttlichen und menschlichen Dinge ein Teil der göttlichen Dinge sind. Auch gab es welche, welche die Philosophie einmal so und einmal so definiert haben: Die einen haben gesagt, dass jene die Bemühung um Tugend sei, andere, dass sie die Bemühung um des zu berichtigenden Verstandes sei; von einigen ist sie als Erlangung nach der richtigen Vernunft gesagt worden.

6.) Gleichwie, jenes stand fest, dass irgendetwas zwischen der Philosophie und der Weisheit dazwischen ist; denn es kann nicht gemacht werden, dass es dasselbe ist, was erstrebt wird und was erstrebt. Auf welche Weise viel zwischen der Geldgier/ der Habsucht und Geld ist, weil jene begehrt, diese eifrig begehrt wird, so ist viel zwischen der Philosophie und der Weisheit. Denn diese ist die Wirkung und die Belohnung jener; jene kommt, zu dieser wird gegangen.

7.) Weisheit ist dies, das die Griechen .... nennen. Auch die Römer machten von diesem Wort Gebrauch, gleich wie sie nun auch von der Philosophie Gebrauch machen; dies werden dir sowohl die alten römischen Lustspiele als auch die im Denkmal des Dossennus eingeschriebene Inschrift: Bleib stehen, Fremder, und lies die Weisheit des Dossennus.

8.) Einige von den Unsrigen, obwohl die Philosophie die Bemühung um Tugend ist und diese erstrebt wird, jene erstrebt, haben dennoch nicht geglaubt, dass jene auseinandergezogen werden können; denn nicht ist die Philosophie ohne die Tugend und nicht ist ohne Philosophie die Tugend. Die Philosophie ist das Bemühen um die Tugend, aber durch die Tugend selbst; aber die Tugend kann nicht ohne die Bemühung um sich selbst sein und nicht das Bemühen um die Tugend ohne sie selbst. Denn es ist nicht wie in diesen, die irgendetwas aus dem auseinanderstehenden Ort zu berühren versuchen, welcher hier erstrebt, was dort erstrebt wird; und nicht wie Wege, die zu den Städten führen, (außerhalb der Städte sind, so Straßen zur Tugend) außerhalb ihrer selbst: Zur Tugend kommt man durch sie selbst, die Philosophie und die Tugend hängen untereinander zusammen.

9.) Sowohl die bedeutendesten als auch die meisten Urheber haben gesagt, dass es drei philosophische Teile gibt: die moralische, die natürliche, die vernünftige. Der erste setzt den Geist zusammen; der zweite untersucht die Natur der Dinge; der dritte fordert/ erfragt die Eigentümlichkeiten der Worte und den Bau und die Beweisführungen, dass sich die falschen Dinge nicht anstelle des Wahren einschleichen. Im Übrigen sind sowohl die ausfindig gemacht worden, die die Philosophie in wenigere Dinge hineingeführten, als auch die, die sie in mehrere Dinge hineingeführten.

10.) Einige aus den Peripatetikern haben einen vierten Teil als staatlichen hinzugefügt, weil dieser eine gewisse eigene Ausübung erstrebt und um eine andere Anlage/ um ein andere Material herum in Besitz genommen worden ist; einige haben diesen einen Teil hinzugefügt, den sie .... nennen, das Wissen um die Verwaltung der familiären Angelegenheit; einige haben auch aus den Lebensweisen einen Ort getrennt. Aber nichts dieser wird nicht in jenem moralischen Teil wiedergefunden.

11.) Die epikureischen Philosophen haben geglaubt, dass es zwei Teile der Philosophie gibt, den natürlichen und den moralischen: Den vernünftigen haben sie weggeschafft. Von da an werden sie mit diesen Dingen selbst gezwungen die Zweideutigkeiten auszuscheiden, die unter der Erscheinung des Wahren verborgenen falschen Dinge zu überführen, auch haben sie selbst diesen Ort eingeführt, den sie „über das Urteil und die Regel“ nennen – mit anderer Bezeichnung den vernünftigen – , aber sie schätzen, dass dies ein Zusatz/ Anbau des natürlichen Teils ist.

12.) Die Anhänger der kyrenäischen Schule haben die natürlichen Dinge mit den vernünftigen beseitigt und sind mit den moralischen zufrieden gewesen, aber auch diese führen auf andere Weise ein, was sie wegschaffen; denn in fünf Teile teilen sie die moralischen Dinge, sodass einer über die zu meidenden und über die zu erstrebenden Dinge ist, ein anderer über die Gemütszustände, ein dritter über die Taten, der vierte über die Ursachen, der fünfte über die Gründe. Die Ursachen der Sachen sind aus dem natürlichen Teil, die Gründe aus dem vernünftigen.

13.) Ariston Chius sagte, dass der natürliche und der vernünftige Teil nicht nur unnütz, sondern sogar gegenüberliegend sind; auch den moralischen Teil, den er als bloßen zurückgelassen hatte, beschnitt er. Denn diesen Ort, der die Ermahnungen/ Warnungen festhält, hat er beseitigt und hat gesagt, dass sie dem Erzieher, nicht dem Philosophen sind, sowie der Weise irgendetwas anderes sei als ein Erzieher des menschlichen Volkes.

14.) Da folglich die Philosophie dreifach geteilt ist, mögen wir beginnen den moralischen Teil dieser zuerst zu ordnen. Es hat gefallen, dass diese wieder in drei geteilt wird, sodass der erste (Teil) der jedem das Seine zuweisenden und der schätzende Überblick, wie viel es wert ist und was es wert ist, der besonders nützliche Teil – denn was ist so notwendig wie den Dingen die Preise aufzuerlegen? – der zweite (teil) wäre über das heftige Verlangen, der dritte Teil wäre über die Handlungen. Denn zuerst ist es, dass du beurteilst, wie viel/ hoch/ kostbar und was es ist, als zweites, dass du das heftige Verlangen, zu jenen Dingen geordnet und besonnen, ergreifst, zum dritten, dass man sich zwischen deinem heftigen Verlangen und der Handlung einigt, sodass du in all diesen Dingen dir selbst übereinstimmst/ sodass du in all diesen Dingen dir selbst treu bleibst. Was auch immer aus diesen drei Teilen gefehlt hat, es bringt auch die übrigen Dinge in Verwirrung.

15.) Denn was nützt es, zwischen/ unter sich alle geschätzten Dinge zu haben, wenn du im heftigen Verlangen sehr groß bist? Was nützt es, die heftigen Verlangen zurückzudrängen und Begierden in seiner Macht zu haben, wenn du in der Handlung der Dinge selbst die Zeiten nicht weißt und nicht weißt, um wie viel und was und wo und auf welche Weise es gemacht werden muss? Denn es ist das eine, die Würdigkeiten und Preise der Dinge zu kennen, anders, das andere die Grundsätze/ Abschnitte/ Wendepunkte, das andere, die heftigen Verlangen zu zügeln und zu den zu machenden Dingen zu gehen, nicht zu eilen. Dann folglich ist sich selbst das Leben übereinstimmend, sobald die Handlung das heftige Verlangen nicht verrät, das heftige Verlangen aus der Würdigkeit eines jeden Dinges zusammengefasst wird, demnach gelind oder heftiger, je nachdem jenes angemessen ist, erstrebt zu werden.

16.) Der natürliche Teil der Philosophie wird in zwei Dinge zerspalten, die körperlichen und die unkörperlichen; beide werden in ihre Ränge/ Stufen geteilt, dass ich so sage. Der Ort der Körper zuerst in diese (Ränge/ Stufen), in die Dinge, die sie (die Körper) machen und die aus diesen hervorgebracht werden – aber die Elemente werden hervorgebracht. Dieser Ort über die Elemente selbst ist, wie einige glauben, einfach, wie einige glauben, wird er in die Materie/ den Grundstoff und in den alle Dinge bewegenden Grund/ Ursache und in die Elemente geteilt.

17.) Es bleibt übrig, dass ich den vernünftigen Teil der Philosophie aufteile. Der ganze Teil ist entweder eine fortlaufende Rede oder eine zwischen dem Antwortenden und dem Fragenden zerschneidende/ aufreißende Rede; es hat gefallen, dass diese ..x.., jene ..y.. gerufen wird. „..y..“ kümmert sich um die Worte und die Denkkraft und die Ordnung; ..x.. wird in zwei Teile geteilt, in die Worte und die Bedeutungen, dies ist in den Sachen, die gesagt werden und die durch diese Vokabeln genannt werden. Dann folgt eine ungeheure Teilung beider. Deshalb werde ich an dieser Stelle ein Ende setzen und werde den größten Hauptpunkten der Dinge folgen; im Übrigen wird es zu dem Buch der Wehklagen gemacht werden, wenn ich die Teile der Teile zu machen gewollt haben werde.

18.)Lucilius, bester der Männer, ich schrecke nicht ab, dass du um so weniger diese Dinge liest, wenn du nur irgendetwas gelesen hast, dass du auf der Stelle bei den Sitten/ dem Charakter berichtest. Halte jene (Sitten) in Schranken, heiße die schlaffen Dinge in dir aufzustehen, die gelösten Dinge binde fest, die eigensinnigen Dinge zähme, deine Begierden und die öffentlichen bewege so heftig, wie viel du kannst; und antworte diesen „Wie weit dieselben Dinge?“ sagenden:

19.) „Ich werde sagen müssen „Wie lange werdet ihr dieselben Dinge fehlen?“ Wollt ihr früher von den Heilmitteln ablassen als von den Fehlern? Ich aber werde darin in höherem Grade sagen, weil auch ich bei den Verweigerten hart bleiben werde; dann beginnt die Medizin Fortschritte zu machen, sobald die Berührung den Schmerz im in fremde Gewalt gegebenen Körper herausgedrückt hat. Ich werde sogar den Unfreiwilligen die Dinge sagen, die nützen werden. Eines Tages möge irgendeine nicht schmeichlerische Stimme zu euch kommen, und weil ihr einzelnen nicht das Wahre hören wollte, hört öffentlich.20.) Wie weit werdet ihr die Grenzen/ das Gebiet der Besitztümer ausdehnen? Das Feld, welches das Volk erfasst hat, ist dem einen Herrn eng. Wie weit werdet ihr eure Ackerländer ausstrecken, nicht einmal mit dem Raum der Provinzen zufrieden das Maß der Landgüter umschreiben/ begrenzen? Der Lauf der klaren Flüsse ist durch das Privateigentum und die großen Ströme und die großen Grenzen der großen Völker bis hin zu der Mündung von der Quelle sind eure. Auch dies ist zu wenig, wenn nicht ihr Meere an euren großen Landbesitztümern einschließt, wenn nicht jenseits des Adriatischen Meeres und des Ionischen Meeres und des Ägäischen Meeres euer Verwalter regiert, wenn nicht Inseln, Wohnsitze der großen Anführer, zwischen den unbedeutendesten der Dinge gezählt werden. Wie ihr wollt, besitzt weit, was einst Herrschaftsreich gerufen wurde, der Grundbesitz möge (privat) sein, macht es zu eurem, was auch immer ihr könnt, während es mehr des Fremden sei.

21.) Nun spreche ich mit euch, derer gleich weit die Luxuriösen wie (auch) die Geldgier jener sich ausbreitet. Ich sage euch: Wie weit wird kein See sein, dem nicht die Giebel euerer Villen/ großen Häuser drohen? Kein Fluss, dessen Ufer nicht eure Bauwerke säumen? Wo auch immer die Adern der warmen Gewässer hervorsprudeln werden, dort werden neue Gasthäuser des Luxus/ von Luxus errichtet werden. Wo auch immer sich eine Küste in irgendeine Bucht krümmen wird, werdet ihr sofort Fundamente hinwerfen, und , nicht mit dem Bloßen zufrieden, wenn nicht ihr dieses durch Menschenhand gemacht haben werdet, werdet das Meer hineinleiten. Es ist erlaubt, dass an allen Orten eure Häuser (eigentl. eure Dächer) wiederstrahlen, hier die auf die Berge aufgesetzten in eine ungeheuer weiten Sicht der Länder und des Meeres, dort aus der Ebene in die Höhe der Berge errichtete, wenn ihr viele erbaut haben werdet, wenn ihr ungeheure, dennoch auch einzelne Körper seid, und sehr kleine. Was nützen (euch) viele Schlafzimmer? Ihr liegt in einem. Es ist nicht das Eure, wo auch immer ihr nicht seid.

22.) Zu euch komme ich von dort hinüber, derer unersättlichen und nicht zu befriedigenden Kehle hier die Meere durchsucht, hier die Länder, die einen (Tiere) mit den Angelhaken, die anderen mit den Schlingen/ Fallen, andere wiederum mit verschiedenen Arten von Netzen mit einer großen Arbeit verfolgt: Keinen Tieren außer aus Ekel ist der Friede. Wie wenig genießt ihr die Scharen aus diesen durch so viele bereitete Speisen mit dem von Lüsten erschöpften Mund? Wie wenig kostet der Herr von diesem gefährlich gefangenen Wild, mit verdorbenem Magen und sich ekelnd? Wie viel gleitet von den so vielen so lange herbeigeschafften Austern durch diesen unersättlichen Magen? Unglückliche, erkennt ihr wohl, dass ihr einen größeren Hunger habt als der Magen?...

23.) Anderen sag dies, dass du selbst hörst, während du redest, schreibe, dass du liest, während du schreibst, alle Dinge zu den Sitten/ zum Charakter und zu der zu hemmenden Wildheit der Gemütsverfassungen zurücktragend. Bemühe dich, dass du nicht irgendetwas mehr weißt, sondern dass du irgendetwas besser weißt. Leb wohl.

Autor: Mike