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Epistulae Morales Ad Lucilium - 083, 01-04

Lateinisches Original:
1 Singulos dies tibi meos et quidem totos indicari iubes: bene de me iudicas si nihil esse in illis putas quod abscondam. Sic certe vivendum est tamquam in conspectu vivamus, sic cogitandum tamquam aliquis in pectus intimum introspicere possit: et potest. Quid enim prodest ab homine aliquid esse secretum? nihil deo clusum est; interest animis nostris et cogitationibus medius intervenit - sic 'intervenit' dico tamquam aliquando discedat.

2 Faciam ergo quod iubes, et quid agam et quo ordine libenter tibi scribam. Observabo me protinus et, quod est utilissimum, diem meum recognoscam. Hoc nos pessimos facit, quod nemo vitam suam respicit; quid facturi simus cogitamus, et id raro, quid fecerimus non cogitamus; atqui consilium futuri ex praeterito venit.

3 Hodiernus dies solidus est, nemo ex illo quicquam mihi eripuit; totus inter stratum lectionemque divisus est; minimum exercitationi corporis datum, et hoc nomine ago gratias senectuti: non magno mihi constat. Cum me movi, lassus sum; hic autem est exercitationis etiam fortissimis finis.

4 Progymnastas meos quaeris? unus mihi sufficit Pharius, puer, ut scis, amabilis, sed mutabitur: iam aliquem teneriorem quaero. Hic quidem ait nos eandem crisin habere, quia utrique dentes cadunt. Sed iam vix illum adsequor currentem et intra paucissimos dies non potero: vide quid exercitatio cotidiana proficiat. Cito magnum intervallum fit inter duos in diversum euntes: eodem tempore ille ascendit, ego descendo, nec ignoras quanto ex his velocius alterum fiat. Mentitus sum; iam enim aetas nostra non descendit sed cadit.


Deutsche Übersetzung:
(1) Du befiehlst, dass dir jeder einzelne und gewiss meine ganzen Tage
angezeigt werden: Du urteilst gut über mich, wenn du glaubst, dass es
nichts in jenen gibt, was ich verbürge. Man muss sicherlich so leben,
als ob wir in der Öffentlichkeit leben, man muss sicherlich so
denken, als ob irgendwer in die Brust hineinblicken könnte: und er
kann es. Was nützt es nämlich, dass irgendetwas vor dem Menschen
geheim ist? Nichts ist dem Gott verschlossen; er ist unter unseren
Seelen und er tritt in die Mitte unserer Überlegungen - "er tritt
hinein" sage ich so, als ob er irgendwann weggeht.

(2) Ich werde also machen, was du verlangst, und was ich tun werde und
in welcher Reihenfolge werde ich dir gerne schreiben. Ich werde mich
ununterbrochen beobachten und, was sehr nützlich ist, meinen Tag
überdenken. Dies macht uns sehr schlecht, dass niemand auf sein
Leben zurückblickt; was wir tun wollen (wörtl: was wir gemacht haben
werden), bedenken wir, und das selten, was wir gemacht haben, bedenken
wir nicht; und doch kommt der Beschluss für die Zukunft aus der Vergangenheit.

(3) Der heutige Tag ist vollständig, niemand hat mir etwas aus jenem
entrissen; er ist ganz aufgeteilt zwischen Ausruhen und Lesen; sehr
wenig ist den Übungen des Körpers gegeben, und in diesem Namen danke
ich meinem Alter: es kostet mich nicht viel. Wenn ich mich bewegt
habe, bin ich erschöpft; diese ist aber auch die Grenze der Übungen
für die Stärksten.

(4) Du fragst nach meinen Trainingspartnern? Mir reicht als einziger
Pharius, ein liebenswerter Junge, wie du weißt, aber er wird bald
ausgetauscht werden: schon suche ich einen zarteren. Dieser sagt
freilich, dass wir das selbe Problem haben, weil beiden die Zähne
ausfallen. Aber ich folge jenem Eilenden schon kaum und innerhalb
sehr weniger Tage werde ich es nicht (mehr) können: sieh, was die
tägliche Übung nützt. Schnell entsteht ein großer Unterschied
zwischen Zweien, die in verschiedene Richtungen gehen; in dieser Zeit
steigt jener hinauf, ich steige herab und du weißt um wie viel
schneller von diesen beiden (Dingen) das eine geschieht. Ich habe
gelogen; Denn schon unser Alter steigt nicht herab, sondern fällt.

Autor: Homoioteleutonify