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Epistulae Morales Ad Lucilium - 081

Seneca grüßt seinen Lucilius

(1) Du beklagst dich, dass du an einen undankbaren Menschen geraten bist, wenn dir das jetzt zum ersten Mal zugestoßen ist, danke entweder dem Glück oder deiner Umsicht. Aber Umsicht kann dich dabei höchstens knauserig machen; denn wenn du diese Gefahr meiden willst, wirst du keine Wohltaten erweisen; dabei werde sie, damit sie nicht bei einem anderen verloren gehen, bei dir verloren gehen. Lieber sollen sie nicht erwidert als nicht erwiesen werden: auch nach einer schlechten Ernte muss man (wieder) säen. Oft hat die Fruchtbarkeit eines einzigen Jahres alles ersetzt, was durch andauernde Unfruchtbarkeit unergiebigen Bodens verloren gegangen war.

(2) Es ist der Mühe wert, auch Undankbare zu prüfen, um einen Dankbaren zu finden. Niemand hat eine so sichere Hand bei Wohltaten, dass er sich nicht oft täuscht: mögen sie ruhig an den Falschen geraten, damit sie irgendwann einmal haften bleiben. Nach einem Schiffbruch befährt man wieder die Meere; einen Geldverleiher vertreibt von seinem Platz auf dem Markt kein Bankrotteur. Schnell wird das Leben in untätiger Muße erstarren, wenn man alles aufgeben muss, was Anstoß erregt. Dich aber möge gerade dieses Erlebnis gütiger machen; denn etwas, dessen Ausgang ungewiß ist, muss man häufig versuchen, damit es irgendwann einmal glückt.

(3) Doch darüber habe ich ausreichend in der Schrift gesprochen, die den Titel "Über die Wohltaten" trägt: es scheint mir, dass man das genauer untersuchen muss, was meiner Ansicht nach nicht ausreichend geklärt ist, ob der, der uns genützt hat, wenn er später geschadet hat, die Rechnung ausgeglichen hat. Füge, wenn du willst, sogar folgendes hinzu: er hat später viel mehr geschadet, als er vorher genützt hatte.

Autor: panda