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Epistulae Morales Ad Lucilium - 076, 08-16

8.) Alle dinge bestehen aus/ existieren durch ihren Wert. Die Fruchtbarkeit empfiehlt den Weinstock, der Geschmack empfiehlt des Weines, die Schnelligkeit empfiehlt den Hirsch; wie kräftig die Lasttiere am Rücken sind, suchst du/ fragst du, deren Nutzen dieser eine ist: die Last zu tragen; im Hund ist die erste Spürkraft, wenn er die wilden Tiere aufspüren muss, der Kurs, wenn er nachfolgen muss, die Kühnheit, wenn er beißen und angreifen muss: dies muss in jedem das Beste sein, zu dem er von Natur aus bestimmt ist/ dem es angeboren ist, wonach er bewertet wird.

9.) Was ist im Menschen das Beste? Die Vernunft: Diese schreitet den Tieren voran, sie folgt den Göttern. Folglich ist die vollendete Vernunft das eigene Gut, die übrigen Dinge sind jenem mit den Tieren und mit den Pflanzen gemein/ gemeinsam. Er hat Einfluss: auch die Löwen (sind es). Er ist wohlgestaltet: auch die Pfauen (sind es). Er ist schnell: auch die Pferde (sind es). Ich sage nicht: In diesen Allen wird er besiegt/ übertroffen; ich suche nicht, was er in sich als Höchstes hat, aber was sein/ das Seine ist. Er hat einen Körper: auch die Bäume (besitzen einen). Er hat einen inneren Antrieb und eine willentliche Bewegung: Auch die wilden Tiere und die Würmer (haben ebendiese). Er hat eine Stimme: aber um wie viel lauter (sind) die Hunde, um wie viel schärfer die Adler, um wie viel tiefer die Stiere, um wie viel süßer und beweglicher/ melodischer die Nachtigallen?

10.) Was ist das eigentümliche (Gut) im Menschen? Die Vernunft: Diese Richtige und zur höchsten Vollendung Gebrachte füllte (schon immer) die Glückseligkeit des Menschen an. Wenn folglich jede Sache, wenn sie ihr Gut vollendet hat, löblich und zur Grenze ihrer Natur gekommen ist, dem Menschen aber die Vernunft sein Gut ist, wenn er diese vollendet hat, (so) ist sie (demnach) löblich und hat die Grenze ihrer Natur berührt. Diese Vernunft wird vollendete Tugend gerufen und dieselbe ist da Sittlichgute.

11.) Dies ist deshalb das eine Gut im Menschen, weil es das eine des Menschen ist/ weil es die eine Eigenschaft des Menschen ist (man könnte hier auch mit einem Relativsatz übersetzen, jedoch würde ich hier quod als Kausalsatz übersetzen, weil es begründet und dadurch klarer wird); denn nun suchen/ fragen wir nicht, was das Gut ist, sondern was das Gut des Menschen ist. Wenn es kein anderes als die Vernunft des Menschen ist, wird diese das eine Gut dessen sein, aber das gegen alle Dinge Abzuwägende. Wenn irgendjemand schlecht sein möge, glaube ich, wird er getadelt werden; wenn (irgendjemand) gut, glaube ich, wird er geprüft werden. Folglich ist dies im Menschen das erste und bloße, worin er sowohl geprüft als auch getadelt wird.

12.) Du zweifelst nicht, ob dies das Gut ist; du zweifelst nicht, ob es das bloße Gut ist. Wenn irgendjemand alle anderen Dinge haben möge, Gesundheit, Reichtum, viele Ahnenbilder, ein gut besuchtes Atrium, aber aus dem anerkannt Habenden/ aufgrund allgemeinen Zugeständnisses schlecht sei, wirst du jenen tadeln; wenn ebenso irgendjemand nichts zwar dieser Dinge, die ich zurückgetragen/ berichtet habe, haben möge, (wenn) es an Geld fehlen möge, an einer Menge von Klienten, an Adel und an einer Reihe von Großvätern und Urgroßvätern, er aber aus dem anerkannt Habenden/ aufgrund allgemeinen Zugeständnisses gut sei, wirt du jenen prüfen. Folglich ist dies das eine Gut des Menschen, was dieser hat, sogar wenn es an anderen Dingen fehlt, muss gelobt werden, der dies nicht hat, wird in der Menge aller anderen Dinge verurteilt und zurückgewiesen werden.

13.) Diese Beschaffenheit der Dinge, ist dieselbe der Menschen: Ein Schiff wird gut genannt, das weder mit kostbaren Farben bemalt ist, noch dem ein silberner oder goldener Schiffsnabel ist, noch dessen Schutz von Elfenbein geschnitzt ist, noch welches mit Geldkörben oder mit fürstlichen Reichtümern gedrückt/ belastet ist, sondern das stabil und kräftig und durch Wasser abhaltende Verbindungen/ Fugen undurchlässig ist, das zum zu tragenden/ auszuhaltenden Ansturm des Meeres solide ist, das dem Steuerruder gehorchend ist, das schnell und nicht den Wind fühlend ist;

14.) du wirst ein Schwert gut nennen, dem weder das Wehrgehenk goldbeschmückt ist, noch dessen Scheide mit Edelsteinen geschmückt wird, sondern dem sowohl zum Schneiden eine dünne Schneide ist, als auch eine Spitze, die ganze Schutzmittel durchzustoßen im Begriff ist, ist; es wird nicht gesucht, wie schön ein Lineal ist, sondern wie gerade: Jede Sache wird damit gelobt, dem/ zu welchem sie bereitet wird, was jenem das Eigen ist.

15.) Folglich streckt sich auch nichts im Menschen zu der Sache aus, wie viel es bebauen möge, wie viel es Geld er gegen Zins ausleihen möge, von wie vielen er gegrüßt werden möge, wie er sich auf ein kostbares Bett legen möge, wie er aus einem durchsichtigem Trinkgefäß trinken möge, sondern wie gut er sein möge. Aber er ist gut, wenn die Vernunft dessen entfaltet und richtig ist und zum Willen ihrer Natur angepasst ist.

16.) Diese wird Tugend gerufen, dies ist das Sittlichgute und das einzige Gut des Menschen. Denn da die bloße Vernunft den Menschen vollendet, macht die bloße Vernunft den Glücklichen vollendet; dies aber ist das eine Gut, wodurch das eine der Glückliche gebildet wird. Wir sagen, dass auch jene Dinge gut sein, die von der Tugend vollendet und zusammengezogen/ bewirkt worden sind, dies ist alle Werke derer/ dieser Tugend; aber deswegen ist das eine Gut diese selbst, weil ohne jene kein ist...

Autor: Mike