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Epistulae Morales Ad Lucilium - 074, 01-12


1) Dein Brief hat mich erfreut und mich, während ich träge war, aufgeweckt, auch mein Gedächtnis, das mir schon träge und schwerfällig ist, hat es aufgeweckt. Warum glaubst du, mein Lucillius, nicht, dass das größte Werkzeug für ein glückliches Leben diese Überzeugung sei, dass das einzige Gut sei, was angesehen ist? Denn wer anderes als Güter beurteilt, kommt in die Macht des Schicksals, wird Eigentum fremder Macht: Wer jedes Gut mit etwas ehrenhaftem umschrieben hat, ist in seinem Innern glücklich.

2) Dieser ist, weil er die Kinder verloren hat, traurig; dieser beunruhigt, weil sie krank sind, dieser traurig, da sie schändlich und mit anderer Schmach befleckt: Du wirst sehen, dass jener durch die Liebe zu einer fremden Ehefrau gequält wird, jener zu einer eigenen. Nicht wird fehlen, wen eine Wahlniederlage quält: Es werden welche sein, die selbst ein Ehrenamt quält.

3) Jene Menge der Armen aber ist am größten aus dem ganzen Volk der Sterblichen, die die Erwartung des Todes quält von überallher drohen: es gibt nämlich nichts, woher er nicht herangehe. Daher muss man, wie in einem feindlichen Land Herumwandernde, hierhin und dorthin sich umschauen und bei jedem Geräusch muss der Kopf gewendet werden. Wenn nicht diese Furcht aus der Brust heraus geworfen worden ist, wird mit klopfendem Herzen gelebt.

4) Es werden begegne uns die in Verbannung Geschickten und von ihren Gütern Vertriebenen; begegnen werden uns, was die schlimmste Art der Armut ist, Mittellose im Reichtum; begegnen werden schiffbrüchige und die, die ähnliches den Schiffbrüchigen erlitten haben, die entweder des Volkes Zorn oder Neid, den besten ein verderbliches Geschoss, nichtsahnend und sorglos, hat wie ein Sturm, der selbst in vertrauen auf gutes Wetter pflegt loszubrechen, oder plötzliche Blitze, bei dessen Einschlag auch die Nachbarschaft bebt. Denn wie dort, wer auch immer näher beim Feuer steht, ähnlich dem Getroffenen erstarrt ist. So unterdrückt bei diesen das Unglück, bei denen eine andere Kraft hereinbricht, einen, die übrigen Furcht und Erleiden zu können macht die den erlittenen gleiche Traurigkeit.

5) Die Herzen von allen beunruhigen fremde Unglücke und plötzliche. Wie auch das Geräusch einer leeren Schleuder Vögle erschreckt, so werde nicht nur wir beim Schlag erschreckt, sondern bei einem Geräusch. Nicht kann also wer glücklich sein, der dieser Meinung geglaubt hat. Nicht nämlich ist glücklich, außer was furchtlos; zwischen Misstrauen erregendem wird schlecht gelebt.

6) Wer sich zufälligem gegeben hat, hat sich einen endlosen Stoff der Verwirrung gemacht: Der einzige weg für einen zum Ganzen gehenden ist, Äußerlichkeiten zu verachten und mit dem ehrenhaften zufrieden zu sein. Denn wer glaubt, dass etwas besser als Tapferkeit sei oder etwas außer jener als Gut, für das öffnet sich der Bausch, was vom Schicksal gestreut wird, und er erwartet beunruhigt dessen Geschosse

7) Stelle dir nämlich dies Bild in deinem Geist vor, dass das Schicksal Spiele macht und in dies Versammlung von Sterblichen Ehrentitel, Reichtümer und Ansehen heraus wirft, von denen einiges zerrissen ist, zwischen den Händen der Reißenden, anderes in treuloser Kumpanei zerteilt, anderes mit großem Schaden derer, zu denen es gelangt war, ergriffen. Von diesen fiel einiges denen zu, die nach etwas anderem strebten, einiges ging verloren, weil zu sehr danach gegriffen wurde, und während es gierig geraubt wurde, ist es zerstört worden: Keinem aber, auch wem der Raub glücklich fiel, dauerte die Freude an dem Geraubten bis in spätere Zeit. Daher flieht gerade der Klügste vom Theater, sobald er sieht, dass die Geschenke hereingebracht werden, und er weiß, dass Kleinigkeiten teuer zu stehen kommen. Niemand beginnt mit einem Zurückweichendem eine Schlägerei, niemand schlägt einen Herausgehenden: Um die Beute ist eine Rauferei.

8) Ebendies geschieht bei dem, was das Schicksal von oben herab wirft: wir Armen glühen auf, werden hin- und hergezerrt, wir wollen viele Hände haben, bald blicken wir in diesen Teil, bald in jenen; zu langsam scheinen sie uns verteilt zu werden, die unsere Begierden anreizen, zu zu wenigen werden sie gelangen, erwartet von allen;

9) Wir wünschen den uns zufallenden entgegen zu eilen, wir freuen uns, wenn wir etwas angegriffen haben und die nichtige Hoffnung des Angreifens andere getäuscht hat; wir bezahlen eine wertlose Beute mit irgendeinem großen Unglück oder werden getäuscht. Lasst uns daher von solchen Spielen weggehen und lasst uns den Ort der Raffsüchtigen geben! Jene mögen diese hängenden Güter schauen und selbst umso mehr in der Schwebe sein!

10) Wer auch immer beschließt glücklich zu sein, soll glauben, dass das einzige Gut sei, was ehrenhaft ist; denn wenn er etwas anderes für jenes hält, urteilt er zuerst schlecht über Vorsehung, weil sich viele Unannehmlichkeiten den gerechten Männern ereignen, und weil, was auch immer sie uns gegeben hat, kurz ist und unbedeutend, wenn du es mit dem Alter der ganzen Welt vergleichst.

11) Von diesem Gejammer kommt her, dass wir undankbare Erklärer der göttlichen Macht sind: Wir beklagen, was nicht immer, was auch gering, was auch ungewiss und weggehend uns widerfährt. Daher ist, dass wir weder leben noch sterben wollen: uns berührt der Hass des Lebens; Furcht vor dem Tod. Jeder Entschluss schwankt und nicht irgendein Glück kann uns erfüllen. Grund aber ist, dass wir nicht zu jenem unermesslichen und unüberwindlichem Gut gelangt sind, wo unser Wollen Halt macht, weil kein Ort über dem höchsten ist.

12) Du fragst, warum Tapferkeit nichts benötigt? Sie freut sich über Anwesende, verlangt nicht Abwesende; nichts ist für sie nicht groß, weil es genug ist. Von diesem Urteil weiche: Nicht wird Frömmigkeit von Dauer sein, nicht Vertrauen; viel muss nämlich der erdulden, der jene erfüllen will, aus diesen, die Übel genannt werden, viel muss er opfern aus diesen, denen wir uns hingeben, gleichwie Güter. Tapferkeit geht zu Grunde, die sich erproben muss; Hochherzigkeit geht zu Grunde, die nicht hervorragen kann, wenn sie nicht alles als geringfügig verachtet, was die Masse für das höchste wünscht; Dankbarkeit und Erwiderung von dank, wenn wir Mühe fürchten, wenn wir etwas kostbareres als Treue kenne, wenn wir nicht auf das beste schauen.

Autor: Gloria