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Epistulae Morales Ad Lucilium - 065, 02-09

Wodurch wird die Materie gestaltet?

2: Unsere Stoiker sagen, wie du weißt, dass es zwei Prinzipien gibt in der Natur der Dinge, aus welchen alles entsteht, nämlich der Wirkgrund und die Materie. Die Materie liegt untätig da, ist eine Sache, die zu allem bereit ist, in Ruhe verharrend wenn sie niemand bewegen sollte. Aber der Wirkgrund, das ist eine vernunftbegabte Kraft, formt die Materie und verändert sie wohin immer er will, und schafft aus jener ver-schiedenste Werke. Folglich muss es etwas geben, woraus etwas gemacht wird und etwas wodurch es nachher gemacht wird. Dieses ist der Wirkgrund, jenes die Mate-rie.

3: Die Nachahmung der Natur ist die ganze Kunst; übertragen also was ich vom all-gemeinen gesagt habe zu diesen Dingen, welche vom gemacht werden müssen. Die Statue hatte sowohl eine Materie, welche der Künstler erduldete, als auch einen Künstler, welcher der Materie ein Gesicht gab. Daher war in der Gestalt der Materie das Erz und der Grund der Werkmeister. Es ist dieselbe Bedingung für alle Dinge: sie bestehen aus dem, was gemacht werden wird und aus dem, was handelt.

4: Die Stoiker vertraten die Lehrmeinung, dass es einen Wirkgrund gebe, nämlich das, was schafft. Aristoteles glaubte, dass der Wirkgrund in dreifacher Hinsicht be-zeichnet werde: „Der erste Grund“, sagte er, „ist die Materie selbst, ohne die nichts hervorgebracht werden kann; der zweite ist der Werkmeister; der dritte ist die Form, die jeden Werk so wie einer Statue auferlegt wird.“ Denn diesen nannte Aristoteles Gestalt. „Auch der vierte“, sagte er, „nähert sich diesen an, der Plan alles Werken.“

5: Ich werde eröffnen, was das im Detail bedeutet. Das Erz ist der erste Grund einer Statue; sie wäre nicht gemacht worden, wenn das nicht vorhanden gewesen wäre, aus welchen sie gegossen oder gebildet werden würde. Der zweite Grund ist der Künstler; das jenes Erz nämlich nicht zu einer Gestalt einer Statue geformt werden könnte, wenn nicht kundige Hände dazugekommen wären. Der dritte Grund ist die Form; denn diese Statue würde nicht ‚Doryphoros’ oder ‚Diadumenos’ genannt wer-den, wenn ihr nicht jene Form eingepresst wäre. Der vierte Grund ist der Vorsatz des Schafffens, denn wenn dieser nicht gewesen wäre, wäre diese nicht gemacht wor-den.

6: Was ist der Plan? Was den Künstler veranlasst hat, was jener diesem folgend ge-macht hat: entweder ist das Geld da, wenn er produziert hat um es zu verkaufen, oder der Ruhm, wenn er gearbeitet hat um sich einen Namen zu machen, oder die Religion, wenn er das Weihgeschenk dem Tempel bereitet hat. Also ist auch dies der Grund, wegen dem es gemacht wurde: oder glaubst du nicht, dass unter den Grün-den eines gemachten Werkes auch das aufgezählt werden muss, nach dessen Be-seitigung das Werk nicht entstanden wäre?

7: Platon fügte diesem den fünften als Vorbild hinzu, welches er selbst ‚idea’ nennt; dies ist nämlich das, welches der Künstler denkend, das er herstellte, was er sich vornahm. Nichts aber trägt zur Sache bei, ob er ein Urbild in der realen Welt hat, zu welchem er das Auge zurückwendet, oder drinnen, welches er dort selbst aufge-nommen und festgelegt hat. Gott hat in sich diese Urbilder aller Dinge und Mengen der Universen, welche hervorgebracht werden müssen, und er umfasste die Ge-setzmäßigkeiten durch den Geist. Er ist voll dieser Figuren, welche Platon ‚idea’ nennt, die unsterblich, unveränderlich, unermüdlich sind. Also gehen die Menschen sicher zu Grunde, die Menschlichkeit selbst aber, zu welchen ein Mensch gemacht wird, bleibt, und obwohl die Menschen arbeiten, zu Grunde gehen, erleidet jene nichts.

8: Also sind es fünf Gründe, die Platon nennt: der aus dem, der von dem, der in dem, der zu dem, der wegen dem; schließlich der, welches aus diesen ist. So wie in der Statue- weil wir anfangen von dieser zu sprechen- das, aus dem es ist, ist das Eisen; das, von welchem es ist, ist der Künstler; das, in welchem es ist, ist die Ges-talt, welche jener angepasst wird und das, zu dem es ist, ist das Urbild, welches der nachahmt, der es macht; das, wegen dem es ist, ist die Absicht des Machenden; das, was aus diesen ist, ist die Statue selbst.

9: Das alles hat auch die Welt, wie Platon meint: der das macht, das ist Gott, aus dem es gemacht wird, ist die Materie, die Form, das ist das Aussehen und die Ord-nung der Welt, welche wir sehen; ein Beispiel auf das hin Gott die Größe dieses wun-derschönen Werkes ausgerichtet hat; den Vorsatz, weswegen Gott sie geschaffen hat. Suchst du, was dieser Vorsatz Gottes sei? Die Güte!

Eingereicht von: Reitnerburli