Latein24.de

Epistulae Morales Ad Lucilium - 053 (Erweckung durch die Philosophie)

Seneca grüßt seinen Lucilius

(1) Was kann mich nicht überzeugen, wenn die Überzeugung ist, dass ich zur See fahre! (Selbstironisierung; kann nicht glauben, dass er auf diese dumme Idee gekommen ist) Ich habe den Anker bei mattem Seegang gelöst. Der Himmel war ohne Zweifel schwer von dunklen Wolken, die meistens entweder in Wasser oder in Wind aufgelöst werden. Aber ich habe dennoch ein wenig geglaubt, dass ich eine Meile von deinem Pathenope bis Puteolus schnell zurücklegen könnte, wie sehr auch im Zweifel und bei drohendem Himmel. Damit ich umso schneller entkam, habe ich unverzüglich den Kurs über die hohe See nach Nesis gelenkt, um alle Biegungen abzukürzen.

(2) Nachdem ich schon dorthin vorgeschritten war, sodass mir nichts daran lag, ob ich gehen oder zurückgehen würde, ist zuerst jene Unbewegtheit der Wasserfläche, welche mich verleitet hatte, zugrunde gegangen. Noch kein Sturm existierte, sondern nur die bewegte See und der häufige Wellengang. Ich habe angefangen, den Steuermann zu bitten, dass er mich an irgendeiner Küste absetzten könnte. Er sagte aber immer wieder, dass jene eine raue Küste und sei und hafenlos, und dass er nichts mehr fürchten würde im Sturm als das Land.

(3) Ich wurde ohne Ende immer schlimmer gequält, als dass es mir klar war, in welche Lage ich war. Nämlich die Seekrankheit folterte mich auch ohne Ende träge, welche die Gallensekretion anregte, aber nicht ausgoss. Daher habe ich den Steuermann bedrängt und habe jenen, ob er wollte oder nicht, gezwungen nach der Küste zu streben. Sobald wir deren Nachbarschaft berühren konnten, erwartete ich nicht, dass irgendetwas von den Lehren des Vergil geschehen würde: Sie wenden dem Meer den Bug zu,

oder

Der Anker wird von dem Deck herabgeworfen -: Ich, als alter Verehrer von kaltem Wasser, meiner Kunst eingedenk, schicke mich mit Kleidern ins Meer, wie es sich Psychrolutus ziert.

(4) (kommt zum Punkt der Sache:) Was, wie du glaubst, habe ich erlitten, während ich über die raue Küste zum Land krieche, während ich den Weg suche und während ich mir einen Weg bahne? Ich habe erkannt, dass die Erde nicht unverdient von den Seeleuten gefürchtet wird. Die Dinge sind unglaublich, welche ich erduldet habe, als ich mich nicht mehr selbst tragen konnte: Wisse Jenes, dass Odysseus nicht ein für ein so zorniges Meer Geborener war, weil er überall Schiffbrüche erlitten hatte, Er war ein Seekranker. Und ich werde wohin auch immer Segeln müssen, möge ich in 20 Jahren an das Ziel gelangen.

(5) Als ich zuerst meinen Magen gesammelt hatte, der, wie du weißt, zusammen mit dem Meer nicht der Seekrankheit entkommt, als ich den Körper durch Salben wiederhergestellt hatte, habe ich angefangen, dies bei mir zu denken, wie groß das Vergessen unserer Fehler uns verfolgt, auch der körperlichen Fehler, die sich immer wieder an sich selbst erinnern, geschweige denn von jenen, welche umso mehr verborgen sind, je größer sie sind.

(6) Ein sehr leichter Fieberanfall täuscht jeden; Als er aber gewachsen ist und sich ein wahres Fieber entzündet hat, entlockt es auch dem Harten und Geduldigen ein Geständnis. Die Füße schmerzen, die Gelenke fühlen leichte Stiche: Bis jetzt ignoriere wir es und wir sagen uns entweder, dass sich die Fußgelenke verrenkt hätten, oder, dass wir uns in irgendeiner Übung überanstrengt hätten. Wenn die Krankheit noch zweifelhaft ist, sucht man seinen Namen; Sobald diese sich aber beginnt, bis zu den Knöcheln auszubreiten und sich auf beide Füße ausbreitet, ist es nötig, die Fußgicht zu gestehen.

(7) Im Gegenteil geschieht es bei diesen Krankheiten, mit diesen die Seelen ausgestattet sind: Je schlechter sich irgendeiner befindet, desto weniger bemerkt er es. Denn was auch immer du bewunderst, Lucilius das ist nicht so, denn welcher leicht schläft, der fängt sowohl Traumbilder gemäß der Ruhe ein als auch denkt er mal zu schlafen, während er schläft: Der schwere Schlaf löscht auch die Träume und taucht tiefer in das Bewusstsein ein, als dass er irgendeiner Erkenntnis von sich selbst sei.

(8) Aus welchem Grund beichtet niemand seine Fehler? Weil niemand auch jetzt noch in seinen Fehlern gefangen ist: (Beginn der Metapher) Es ist Aufgabe eines Wachenden den Traum zu erzählen, und ein Anzeichen von Gesundheit ist es, seine Fehler zu gestehen. Also mögen wir erwachen, damit wir unsere Irrtümer deutlich kundgeben können. Die Philosophie allein wird uns aufwecken, sie allein wird den schweren Schlaf abschütteln: Jener widme dich ganz! Du bist jener würdig, jene ist dir würdig: Der eine kommt in die Umarmung des anderen. Leugne dich allen andern Dingen, Tapferer, offen: Es ist nicht möglich, dass du auf Widerruf philosophierst.

(9) Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um das Vermögen unterbrochen und die öffentlichen Dienste wären dir entfallen und du würdest nicht irgendwen für so groß halten, dass du für ihn als Herbeigerufener auf das Forum bei nachlassender Krankheit herabsteigen würdest: Du würdest dieses mit ganzem Herzen machen, dass du sobald als möglich von der Krankheit befreit werden würdest. Was also wirst du machen? Wirst du nicht auch dasselbe machen? Lasse von allen Hindernissen ab und sei für die sittlich gute seelische Verfassung frei: Niemand Beschäftigtes gelangt so jenem (bona mens). Die Philosophie übt ihre Alleinherrschaft; sie gibt Zeit, sie nimmt sie nicht ein. Se ist keine Nebensache, sie ist die Hauptsache, sie ist die Herrscherin, sie befiehlt anwesend zu sein.

(10) Alexander (Vorbild für erfolgreiche Politiker) sagte einer gewissen Bürgerschaft, die einen Teil der Äcker und die Hälfte aller Dinge versprach: ?Ich bin nach Asien gekommen mit dem Plan, dass ich dieses nicht nehmen würde, was ihr gegeben hättet, sondern dass ihr dieses besitzen würdet, was ich zurückgelassen hätte.? Dasselbe sagt die Philosophie zu allen Dingen: ?Ich bin nicht im Begriff diese Zeit einzunehmen, die euch übrig geblieben sein wird, sondern ihr werdet diese besitzen, weil ich selbst zurückgeworfen haben werde.?

(11) Wendet den ganzen Geist diesem zu, sitze bei diesem, verehre diesen: Ein gewaltiger Zwischenraum zwischen dir und den Übrigen wird entstehen; Du wirst alle Sterblichen in Vielem übertreffen, die Göttlichen werden dich nicht in Vielem übertreffen. Du fragst dich, was zwischen dir und jenen liegen werden möge? Sie werden länger leben. Beim Herkules, es ist die Aufgabe eines großen Künstlers, das Ganze in ein geringes Gefäß einzuschließen: Wie viel dem Weisen sein Leben offen steht, so viel dem Gott die Ewigkeit. Es gibt irgendetwas, mit dem der Weise den Gott übertrifft: Jener fürchtet nicht durch die Wohltat der Natur, der Weise fürchtet nicht durch die eigene Wohltat.

(12) Es ist eine große Sache, die Schwäche des Menschen zu haben, aber die Furcht-losigkeit eines Gottes. Unglaublich ist die Kraft der Philosophie zur Überwältigung jeder zufälligen Kraft. Keine Waffe sitzt in dem Körper der Philosophie, sie ist befestigt und solide: Sie ermüdet gewisse Geschosse und lenkt sie ab durch den weiten schlaffen Bausch des Gewandes, sie räumt gewisse und schleudert sie auf diese zurück.

Lebwohl!

Autor: Helena Langehein


Übersetzungsalternative zu den Zeilen 8-12:
8.) Weshalb gesteht niemand seine Fehler? Weil in jenen auch jetzt noch ist: Die Eigenschaft des Wachen ist es, den Traum zu erzählen, und die Anzeige/ das Merkmal der Gesundheit ist es, seine Fehler zu gestehen. Folglich mögen wir erwachen, dass wir unsere Irrtümer deutlich kundgeben können. Aber die bloße Philosophie wird uns aufwecken, die bloße Philosophie wird den gewichtigen Traum gewaltsam vertreiben: Widme dich jener ganz. Du bist ihrer würdig, jene ist deiner würdig: Kommt der eine in die Umarmung des anderen. Leugne dich allen anderen Dingen, tapfer, offen;

9.) es besteht kein Grund dazu, dass du auf Bitten philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um das Vermögen ungenutzt verstreichen lassen und die gerichtlichen Arbeiten wären dir ausgefallen und du würdest nicht irgendjemanden so hoch schätzen, dass du diesem als Rechtsbeistand in der Erholung herabsteigen würdest; du würdest dies im ganzen Geist betreiben, dass du möglichst bald von der Krankheit befreit werden würdest. Was folglich? Wirst du nun nicht auch dasselbe machen? Lass von allen Hindernissen ab und habe für den „Bona Mens“ Zeit (Bona Mens lasse ich hier zunächst unübersetzt, da dies bei Seneca ein Eigenbegriff darstellt, dessen Übersetzung Interpretationen erfordert, welche ich hier jedem selbst überlassen möchte): Niemand, der in Anspruch genommen wird, kommt zu jenem (gemeint ist der „Bona Mens“). Die Philosophie übt ihr Königreich; sie gibt Zeit, sie empfängt sie nicht; sie ist nicht eine überzählige Angelegenheit; sie ist ordentlich, sie ist die Hauptsache, sie steht bei/ sie ist anwesend und befiehlt.

10.) Alexander sagte einer gewissen Bürgerschaft, die einen Teil der Äcker und die Hälfte aller Dinge versprach: „Ich bin mit dieser Absicht nach Asien gekommen, nicht dass ich dies empfange, was ihr gegeben hättet, sondern dass ihr dies besitzt, was ich zurücklasse.“ Dasselbe (sagt) die Philosophie allen Dingen: „Ich bin nicht im Begriff diese Zeit zu empfangen, die euch übriggeblieben sein wird, sondern ihr werdet dies besitzen, was ich selbst zurückgewiesen haben werde.“

11.) Lenke deinen ganzen Geist dorthin, sitze dieser bei, verehre diese: ein ungeheurer Zwischenraum zwischen dir und den übrigen wird gemacht werden; allen Sterblichen wirst du um vieles voranschreiten, nicht um vieles werden die Götter dir voranschreiten. Du fragst, was zwischen dir und jenen dazwischensein werde? Sie werden länger sein. Aber beim Herkules, es ist des großen Künstlers/ es ist die Eigenschaft des großen Künstlers, das Ganze in einem kleinen (Gefäß) eingeschlossen zu haben; so viel sein Lebensalter dem Weisen offen steht, wie viel dem Gott die Ewigkeit offen steht (wörtl.)/ seine Zeit bietet dem Weisen Raum für so viel, wie dem Gott die Ewigkeit (freier). Es gibt irgendetwas, womit der Weise dem Gott voranschreitet: Jener fürchtet nicht durch die Wohltat der Natur, der Weise durch seine eigene.

12.) Sieh da, die große Angelegenheit, die Schwäche des Menschen zu haben, die Sorglosigkeit des Gottes. Die unglaubliche Kraft der Philosophie muss zu der ganzen Kraft des Schicksals hin unwirksam gemacht werden. Keine Waffe sitzt im Körper derer; sie ist befestigt, sie ist stark; einige Dinge bringt sie um ihre Wirkung und sie fängt (sie) spielend mit dem lockeren Bausch ihres Gewandes gleichwie leichte Wurfgeschosse auf, einige lässt sich abprallen und sie schleudert stets zu diesen, der geschickt hatte, zurück. Leb wohl.

Autor: Mike