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Epistulae Morales Ad Lucilium - 037, 03-05

Lateinisches Original:
[3] 'Quomodo ergo' inquis 'me expediam?' Effugere non potes necessitates, potes vincere. Fit via; et hanc tibi viam dabit philosophia. Ad hanc te confer si vis salvus esse, si securus, si beatus, denique si vis esse, quod est maximum, liber; hoc contingere aliter non potest.
[4] Humilis res est stultitia, abiecta, sordida, servilis, multis affectibus et sacrissimis subiecta. Hos tam graves dominos, interdum alternis imperantes, interdum pariter, dimittit a te sapientia, quae sola libertas est. Una ad hanc fert via, et quidem recta; non aberrabis; vade certo gradu. Si vis omnia tibi subicere, te subice rationi; multos reges, si ratio te rexerit. Ab illa disces quid et quemadmodum aggredi debeas; non incides rebus.
[5] Neminem mihi dabis qui sciat quomodo quod vult coeperit velle: non consilio adductus illo sed impetu impactus est. Non minus saepe fortuna in nos incurrit quam nos in illam. Turpe est non ire sed ferri, et subito in medio turbine rerum stupentem quaerere, 'huc ego quemadmodum veni?' Vale.


"Wie also" sagst du, "soll ich mich frei machen?" - Du kannst die
Zwänge nicht vermeiden, du kannst sie besiegen. Der Weg entsteht durch
Kraft! Und die Philosophie wird dir den Weg weisen. Begib dich zu
dieser, wenn du wohlbehalten, wenn du sorglos, wenn du glücklich und
schließlich, wenn du frei sein willst, was das Wichtigste ist. Das kann
nicht anders gelingen! Niedrig ist die Unwissenheit, verworfen,
schmutzig, sklavisch, vielen und sehr schrecklichen Leidenschaften
unterworfen. Diese so belastenden Herren (gemeint sind die
Affekte/Leidenschaften), manchmal abwechselnd gebietend, machmal
gleichzeitig, löst die Weisheit, welche die einzige Freiheit ist, von
dir. Ein Weg führt zu dieser, und jedenfalls gerade: Du wirst nicht
abkommen. Geh mit sicherem Schritt: Wenn du dir alles unterwerfen
willst, unterwirf dich der Vernunft! Du wirst viele (gemeint sind die
Affekte) leiten, wenn die Vernunft dich leitet: Von jener wirst du
lernen, was und wie du es beginnen musst. [...] Unsittlich ist es nicht
zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und plötzlich in der Mitte des
Wirbels der Welt verblüfft zu fragen: "Wie bin ich hierher gekommen?"
[...]

Autor: Martina


Übersetzungsalternative:
Du kannst die Notwendigkeiten nicht vertreiben, du kannst sie besiegen.
Es wird gebahnt ein Weg mit Kraft;
und diesen Weg wird dir die Philosophie geben.
Begib dich zu diesen, wenn du sicher, wenn du ohne Sorgen , wenn du glücklich , und schließlich , was das größte ist, frei sein willst;
auf andere Weise kann das nicht gelingen.
Dummheit ist eine niedrige , verächtliche , schmutzige , sklavische Angelegenheit (Sache) , durch viele Zustände auch äußerst verflucht unterwürfig.
Diese so gewichtigen Herren – die manchmal abwechselnd gebieten ,
manchmal zugleich – schickt die Weisheit von dir weg , welche die einzige Freiheit ist.
Ein einziger Weg führt zu dieser, und freilich gerade:
Du wirst nicht abirren.
Gehe mit sicherem Schritt!
Wenn du dir allem unterwerfen willst, unterwirf dich der Vernunft!
Du wirst viele beherrschen, wenn die Vernunft dich leiten wird; du wirst von jener lernen , was und auf welche Weise du beginnen musst;
du fällst auf die Sachen nicht hinein.
Es ist hässlich nicht zu gehen, aber geführt zu werden und plötzlich Mitten in der Verwirrung verblüfft zu fragen:
„ Wie bin ich hierhin gekommen“ ?

Autor: nboris (Forum)