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Epistulae Morales Ad Lucilium - 031

Der Mensch ein Ebenbild Gottes (Lass dich nicht beeinflussen!)
(1) Ich erkenne meinem Lucilius an: Er fängt an, sich zu beweisen, als welchen, den er versprochen hatte. Folge jenen Drang der Seele, durch welchen du zu diesen höchsten Güter (sapientia) versuchst zu kommen, nachdem die populären Güter getreten worden sind. Ich verlange nicht, dass du Größer und Besser wirst, wie du es vorhattest. (Motivierendes, Eklektizismus, Lucilius hat ein selbstbestimmtes Leben). Deine Grundlagen besetzen viel des Platzes; bewirke so viel, wie viel du versucht hast und behandle jenes, welches du mit dir im Herzen getragen hast.

(2) Kurz und gut, du wirst weise werden, wenn du die Ohren verschlossen hast, für die es zu wenig ist, sie mit Wach zu verschließen; Ein fester Pfropfen ist nötig, wie sie berichten, dass Odysseus dies bei den Gefährten gebraucht hat (Sirenen). Jene Stimme welche gefürchtet wurde, war schmeichelnd, dennoch nicht von allen Seiten tönend (nicht nur von den Steinen der Sirenen); dagegen diese, welche gefürchtet werden muss, tönt nicht von einer Klippe, sondern aus jedem Teil der Erde (Stimmen der Menschen). Daher gehe nicht an einem Ort, der mit gefährlicher Lust (voluptas) furcht erregend ist, vorbei, sondern an allen Städten (Meiden der Masse). Zeige dich taub vor deinen Liebsten. Mit guter Absicht wünschen sie dir Schlechtes.

(3) Und wenn du glücklich sein willst, bete zu den Göttern, damit dir nicht irgendetwas aus diesen Dingen, was sie dir wünschen, geschehen wird. Es sind nicht diese anzustrebenden Güter da, welche wollen, dass diese da sich bei dir versammeln; Das einzige Gut ist das, was Grund und Sicherung für ein glückliches Leben ist, ich selbst treu zu sein. Dieses kann aber nicht beglücken, wenn die Anstrengung verachtet wird und in die Zahl dieser gezählt wird, welche weder gut sind noch schlecht. Es kann nämlich nicht geschehen, dass irgendeine Sache bald schlecht ist, bald gut ist, bald leicht und eine Bevorzugte ist, bald eine Entsetzende ist.

(4) Anstrengung ist kein Gut. Was also ist ein Gut? Die Verachtung der Anstrengung. Daher werde ich die vergeblich (vanum: nichtig, eitel) Tätigen beschuldigen. Umgekehrt werde ich die nach ehrenwerten Dingen Strebenden, je mehr sie sich bemüht haben werden und je weniger sie sich gestattet haben werden, besiegt zu werden und zu rasten, bewundern und rufen: ?Du wirst besser sein, erhebe dich, hole tief Luft und erklimme mit einem einzigen Atemzug diesen Hügel (Augen zu und durch!), wenn du kannst.?

(5) Anstrengung nährt hochherzige Seelen. Es ist also nicht so, dass du aus jenem alten Wunsch deiner Eltern auswählen könntest, was du für dich erreichen willst, was du wünscht; und im Ganzen ist es unsittlich, durch den am meisten getriebenen Mann die Götter zu ermüden. Was ist für Wünsche nötig? Mache dich selbst glücklich. Du wirst aber, wenn du erkannt haben wirst, dass das Gut existiert, welchem Tapferkeit beigemischt ist, und das schimpfliche Gut, welches mit Krankheit verbunden ist, das machen. Wie ohne die Vermischung des Lichts nichts glänzend ist, nichts dunkel, wenn nicht dieses die Dunkelheit in sich hat oder irgendetwas des Dunkeln mit sich schleppt, wie ohne Hilfe des Feuer nichts heiß ist, nichts ohne Luft kalt ist, so bewirkt das Ehrenhafte und Schändliche eine Gemeinschaft von Tugend und Schlechtigkeit.

Autor: Helena Langehein