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Epistulae Morales Ad Lucilium - 020, 01-12

Seneca grüßt seinen Lucilius

1. Wenn es dir gut geht und du dich für würdig hältst, das du einst dein Eigentum sein wirst, freue ich mich; denn es wird mein Ruhm sein, falls ich dich von dort herausgezogen habe, wo du ohne Hoffnung auf ein Entkommen in den Wellen treibst. Jenes aber, mein Lucilius, frage ich dich und ermahne dich, dass du die Philosophie im Herzen auf das tiefste herabsenkst und einen Beweis deines Fortschritts nicht durch Reden noch durch Geschriebenes, sondern durch die Stärkung des Geistes, durch die Verringerung der Begierde: beweise die Worte durch Taten.

2. Einen anderen Plan haben die, die Vorträge halten und nach dem Beifall der Menge streben, einen anderen für die, die die Ohren der jungen und müßigen durch abwechslungsreiche und wandelbaren Abhandlungen festhalten: die Philosophie lehrt zu handeln, nicht zu reden, und sie verlangt dies, dass jeder nach seinem Grundsatz leben soll, damit das Leben nicht mit der Rede im Widerspruch steht oder das Leben gar sich selbst; allen Tätigkeiten soll eine Richtung sein. Dies ist sowohl die größte Aufgabe und das sicherste Anzeichen der Weisheit, dass die Werke mit den Worten übereinstimmen, dass jemand selbst mit sich überall gleich und derselbe sein soll. „Wer wird dies leisten?“ Wenige, dennoch einige. Denn es ist schwierig; ich sage nicht, das der Weise immer mit gleichmäßigem Schritt gehen wird, aber auf einem Weg.

3. Deshalb prüfe dich, ob dein Gewand im Widerspruch zu deinem Haus steht, ob du freigiebig bist mit dir oder geizig mit den deinen, ob du einfach bist, ob du überschwänglich baust, ergreife einmal eine Richtlinie, nach der du leben wirst und gleiche dieser alles in deinem Leben an. Gewiss schränken sich einige im Haus ein, sie erweitern sich und breiten sich auf dem Marktplatz aus: Diese Verschiedenheit ist ein Fehler und ein Zeichen des schwankenden Geistes, der noch keine Beständigkeit gefunden hat.

4. Noch immer werde ich sagen weshalb diese Unbeständigkeit ist und die Verschiedenheit der Dinge und Absichten: niemand schreibt sich für sich vor was er wünscht, noch wenn er sich vorschriebe fährt er in diesem fort, sondern überspringt es; nicht nur verändert er sich, sondern kehrt zurück und in dieser was er im Stich gelassen oder für schuldig gesprochen hatte, wird er zurückgerollt.

5. Daher, sobald ich die alten Definitionen der Weisheit verlasse und ich die ganze Weise des menschlichen Lebens umfasse, kann ich mit diesem zufrieden sein: Was ist Weisheit? Immer dasselbe wollen und immer dasselbe nicht wollen. Du brauchst nicht jene kleine Einschränkung hinzuwerfen, dass es das richtige sein soll, was man will, denn niemandem kann immer das gleiche gefallen, wenn es nicht rechtens ist.

6. Die Menschen wissen also folglich nicht, was sie wollen, außer in jenem Moment, in dem sie es wollen, im ganzen ist das wollen und das nicht wollen für keinen ein unabänderlicher Beschluss, täglich wird das Urteil verändert und in das entgegen gesetzte gewendet und für die meisten das Leben wie ein Spiel geführt. Verfolge also was du angefangen hast, und vielleicht wirst du entweder zum höchsten geführt, oder dazu, was du allein erkennst, dass es noch nicht das höchste ist.

7. „Was wird geschehen“ fragst du „mit dieser Menge meiner Familie ohne die Vermögensverhältnisse?“ Diese Menge wird, wenn sie denn aufhört von dir ernährt zu werden, sich selbst ernähren, oder was du aufgrund deiner Mildtätigkeit nicht erfahren kannst, wirst du aufgrund der Armut herausbekommen: jene wird dich wahren und gewisse Freunde zurück halten; sie wird trennen, wer auch immer nicht dir, sondern anderen folgt. Muss die Armut aber nicht schon wegen dieser einen Sache geliebt werden, was zeigt, von welchen du geliebt wirst. O einmal wird jener Tag kommen, wo niemand zu deiner Ehre lügt.

8. Hierher also mögen deine Gedanken streben, diese sollen deine Bemühungen sein, diese sollen deine Wünsche sein, alle anderen Wünsche sein dir vor Gott erlassen, damit du mit dir selbst zufrieden bist und mit dem Guten aus dir selber stammend. Welches Glück kann höher sein? Beschränke dich auf kleines aus dessen Besitz du nicht herausfallen kannst, damit du jedes freiwillig tust, auf dieses wird sich das Geschenk des Briefes beziehen, das ich sofort darbringen will.

9. Bloß kein Neid, sogar gibt Epikur sich gerne für mich hin. Eindrucksvoller, glaube mir, wird deine Rede im Ruhebett und in Fetzen erscheinen, denn jene werden nicht nur gesprochen werden, sondern sie werden untersucht werden. Gewiss höre ich anders, was unser Demetrius sagt, als ich ihn nackt gesehen habe, um wie viel weniger als ein auf Stroh liegender: nicht ist er Lehrer der Wahrheit, aber er ist ein Zeuge der Wahrheit.

10. Was soll das heißen? Ist es nicht erlaubt die Reichtümer, die man in der Tasche besitzt geringschätzig zu achten? Warum soll es nicht erlaubt sein? Und jener ist von überaus großem Geist, welcher selbst von jenem umschlossen ist, viel lacht er, der viel und lange staunt über das, was auf ihn zugekommen sein wird, über ihn und hört mehr (dass er Reichtum besitzt), als dass er es wahrnimmt. Viel ist nicht geschädigt zu werden im Umgang mit Reichtümern: jener ist groß, welcher im Reichtum arm ist.

11. Im übrigen ist es Kennzeichen seines großen Talentes, zu diesem nicht zu eilen als wäre das eine bessere Lebensform, sondern vorbereitet zu werden gleichsam zu mühelosen Dingen. Und sie sind, Lucilius, leichte Dinge; wenn du wirklich, nachdem du vorher viel nachgedacht hast, angelangt sein wirst, sind es auch erfreuliche; denn in jenen, ohne welche nichts erfreulich ist, ist Sorgenfreiheit.

12. Also richte ich dies als nötig, was ich dir schrieb, dass die großen Männer oft taten, einige Tage einschieben, an welchen wir uns beschäftigen sollen durch die vorgetäuschte Armut für die wahre; dies ist umso mehr zu tun, weil wir durch den Genuss erschlaffen und weil wir alles für hart und schwierig halten. Vielmehr soll der Geist aus dem Schlaf aufgeweckt und aufgerüttelt werden und daran erinnert werden, dass die Natur uns nur sehr wenig zugebilligt hat. Niemand wird reich geboren; wer auch immer das Licht der Welt erblickt, dem ist befohlen worden mit Milch und Windeln zufrieden zu sein: von diesen Anfängen aus verlocken uns Königreiche nicht. Sei gegrüßt.

Autor: melethril