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Epistulae Morales Ad Lucilium - 009, 11-17

Liebt folglich irgendjemand etwa des Vorteils wegen? Etwa des Ehrgeizes oder des Ruhmes wegen? Die Liebe selbst, aller anderen Dinge vernachlässigend, entflammt durch sich die Herzen/ Seelen zur Begierde der Gestalt nicht ohne Hoffnung der gegenseitigen Zuneigung. Was folglich? Aus dem ehrenhafteren Grund kommt der hässliche Zustand zustande? „Nun“, sagst du, „wird nicht über dies verhandelt, ob die Freundschaft wegen sich selbst erstrebt werden muss.“ Im Gegenteil, nichts muss mehr geprüft werden; denn wenn sie wegen sich selbst erstrebt werden muss, kann der zu jener heranrücken, der mit sich selbst zufrieden ist. „Auf welche Weise rückt er folglich zu jener heran?“ Auf welche Weise zur schönsten Sache, nicht der vom Vorteil Erfasste und nicht der von der Vielseitigkeit des Schicksals/ Glücks Eingeschüchterte; der schmälert seine Größe der Freundschaft, der jene zu den guten Zufällen bereitet. „Der mit sich Zufriedene ist weise.“ Dies, mein Lucilius, verstehen die meisten falsch: Von allen Seiten drängen sie den Weisen weg und zwingen (ihn) innerhalb seine Haut. Aber es muss unterschieden werden, was auch diese Stimme inwieweit versprechen möge; der mit sich Zufriedene ist weise bei dem glücklich Leben, nicht bei dem Leben. Denn zu diesem (das Letztgenannte) sind jenem viele Dinge nötig, zu jenem (das Erstgenannte) nur ein gesunder Geist und ein aufrechter und ein auf das Schicksal/ das Glück herabblickender. Ich will dir auch die Unterscheidung des Chrysippus angeben. Er sagt, dass der Weise keiner Sache bedürfe, und dennoch seien jenem viele Dinge nötig: „Im Gegenteil, dem Dummen ist keine Sache nötig (denn er weiß, keine Sache zu gebrauchen), aber er bedarf aller Dinge.“ Dem Weisen sind sowohl die Hände, als auch die Augen, als auch viele zum täglichen Gebrauch nötigen Dinge nötig, er bedarf keiner Sache; denn es gehört in den Bereich der Unvermeidlichkeit zu bedürfen, nichts ist dem Weisen nötig. Folglich sind jenem Freunde nötig, obgleich er mit sich selbst zufrieden ist; er wünscht diese als möglichst viele zu haben, nicht dass er glücklich lebt; denn er wird sogar ohne Freunde glücklich leben. Das höchste Gut sucht nicht Hilfsmittel außerhalb; zu Hause wird es gepflegt, aus sich selbst ist es ganz. Es beginnt dem Schicksal/ dem Glück unterworfen zu sein, wenn es diesen Teil seiner draußen sucht. „Wie beschaffen ist dennoch das zukünftig seiende Leben des Weisen, wenn der in die Haft Hineingeworfene ohne Freunde zurückgelassen wird oder der in irgendeinem fremden Stamm Ausgesetzte oder der in einer langen Seefahrt Zurückgehaltene oder der in einem verlassenen Strand Hinausgeworfene?“ Wie beschaffen ist Juppiter, immer wenn der sich seinem Nachdenken Ausgelieferte ein Weilchen ausruht, nachdem die Welt aufgelöst worden war und nachdem die Götter in das eine zusammengegossen worden waren, während die Natur rastet. Ein gewisser Weise macht das so Beschaffene: Er wird in sich wieder an seinen Ort zurückgelegt, er ist mit sich. Solange es zwar jenem erlaubt ist, seine Sachen mit seinem Schiedsspruch zu ordnen, ist er mit sich zufrieden und führt die Ehefrau; er ist mit sich zufrieden und zieht die Kinder auf; er ist mit sich zufrieden und dennoch würde er nicht leben, wenn er ohne den Menschen leben müsste. Kein Nutzen von ihm trägt jenen zur Freundschaft, aber ein natürlicher Anreiz; denn wie uns der Reiz anderer Dinge angeboren ist, so (auch der) der Freundschaft. Auf welche Weise der Hass die Eigenschaft der Einsamkeit ist und das Bedürfnis eine Eigenart der Gesellschaft ist, auf welche Weise die Natur einen Menschen mit einem Menschen verbindet, so ist der Ansporn auch dieser Sache enthalten, der uns zu Anstrebenden der Freundschaften macht.

Autor: mike