Latein24.de

Epistulae Morales Ad Lucilium - 008

„Du befiehlst“, sagst du, „dass ich die Menge meiden, beiseite weichen und mit der Erkenntnis zufrieden sein solle? Wo sind jene eure Regeln, die befehlen, im Treiben zu sterben?“ Was? Ich scheine dir zur Trägheit zu raten? Ich habe mich darin verwahrt und die Türen geschlossen, damit ich den meisten nützen kann. Kein Tag vergeht mir durch Untätigkeit; ich beanspruche einen Teil der Nacht für Studien; nicht verzichte ich auf Schlaf, sondern ich sinke nieder, und die vom Wachen ermüdeten und niederfallenden Augen fessle ich an die Arbeit. Ich bin nicht nur von den Menschen, sondern auch von den Dingen gewichten, und in erster Linie von meinen Dingen: Ich treibe die Arbeit der Kommenden. Jenen schreibe ich irgendwelche Sachen zusammen, die nützlich sein können; zum Wohl erdachte Mahnungen vertraue ich den Briefen an, gleichsam Zusammenstellungen nützlicher Heilmittel, dass ich jene wirksam in meinen Geschwüren erprobt habe, die sogar, wenn sie nicht gründlich geheilt worden sind, davon abgelassen haben sich zu verbreiten. Ich zeige den anderen den rechten Weg, den ich zu spät um vom Irren müde erkannt. Ich rufe aus: „Meidet, was auch immer dem gemeinen Volk gefällt, was der Zufall hat zugewiesen; beim ganzen zufälligen Gut macht verdächtig und furchtsam Halt: Sowohl das wilde Tier als auch der Fisch werden von irgendeiner verlockenden Hoffnung getäuscht. Haltet ihr diese Geschenke da (tatsächlich) für welche vom Schicksal (gegeben)? Es sind Hinterhalte. Jeder von euch wird ein sicheres Leben führen wollen, soll, wie viel er am meisten vermag, diese mit Leim bestrichenen (trügerischen) Wohltaten meiden, in welchen wir Elendsten auch darin getäuscht werden: Wir glauben uns (im Griff) zu haben, wir hängen fest. In Abgründe führt dieser Kurs; der Ausgang dieses hervorstechenden Lebens ist der Fall. Dann ist es nicht einmal erlaubt, Wiederstand zu leisten, wenn das Glück begonnen hat, die Quere zu treiben, oder wenigstens mit den Richtigen oder einmal zu stürzen: Nicht wendet das Schicksal sich, sondern es wirft kopfüber hinab und stößt an. Haltet folglich diese gesunde und heilbringende Lebensform fest, auf dass ihr dem Körper so viel gewährt, wie viel der guten Gesundheit genug ist. Strenger muss man diesen behandeln, dass er dem Geist nicht schlecht gehorche: Die Speise sitzt den Hunger, den Durst löscht aus der Trank, fern hält ab die Kleidung die Kälte, das Haus ist die Schutzmauer gegen die Bedrohlichkeiten der Zeit. Es gibt keinen Unterschied, ob dieses ein Rasen oder bunter Pflasterstein fremder Art aufmerksam macht: Ihr sollt wissen, dass der Mensch so gut mit Stroh wie mit Gold bedeckt wird. Verachtet alles, was nichtige Arbeit, sowie Schmuck und Zierde stellen; bedenkt, dass nichts außer der Geist wunderbar ist, dem als etwas Bedeutendes nichts bedeutend ist.“. Wenn ich mit mir dieses bespreche, wenn ich mit den Kommenden dieses bespreche, scheine ich dir nicht mehr zu nützen, als wenn ich zur Bürgschaft des Anwalts herabstiege oder den Dokumenten des Testaments einen Siegelring hineinschlüge oder im weiß gekleideten Senat die Stimme erhöbe und die Hand hingäbe? Glaube mir: Diejenigen, welche nichts zu treiben scheinen, treiben Bedeutenderes: Sie behandeln Menschliches und Göttliches zugleich.
Aber schon muss ein Ende gemacht werden und irgendetwas, wie ich es eingerichtet habe, muss für diesen Brief aufgeopfert werden. Dies wird nicht über mich gemacht werden: Bis jetzt plündern wir Epikur aus, dessen diesen Laut ich am heutigen Tage gelesen habe: „Es gehört sich, dass du der Philosophie dienest, damit dir die wahre Freiheit zuteil werde.“. Nicht wird derjenige in den Tag hinein zerstreut, der sich jenem unterworfen und übergeben hat: Auf der Stelle vergeht er; denn dieses selbst ist Freiheit: nämlich der Philosophie zu dienen. Es kann geschehen, dass du mich befragst, weshalb ich lieber von Epikur so viele gute Sprüche berichte als von den unseren: Was ist es, weshalb du dennoch glaubst, dass diese die Laute Epikurs sind, nicht öffentliche? Wie viele Dichter sagen, was von den Philosophen gesagt worden ist oder was ihnen zu sagen ist! Nicht spreche ich die Tragödiendichter noch unsere Togatas (röm. Nationallustspiele) an (denn auch diese haben irgendetwas der Sklaverei und sind mitten unter den Komödien und Tragödien): Wie viel der wohl geordnetesten Verse zwischen dem Mimus liegt! Wie vieles von Publilius ist nicht den Schauspielern im Mimus sondern den Schauspielern mit den Kothuren zu sagen! Einen Vers dessen, der sich bis zur Philosophie hin ausdehnt und zu diesem Teil, der gerade in den Händen gewesen ist, berichte ich, wodurch er die in dem Unseren zu habenden Zufälligkeiten bestreitet:
Fremd ist, was auch immer aus dem Wünschen heraus geschieht.
Ich erinnere mich, dass dieser Sinn von dir nicht um weniges besser und bündiger gesagt wird:
Nicht ist das Deine, was das Schicksal zu dem Deinen gemacht hat.
Auch jetzt noch werde ich nicht an dem besseren Spruch von dir vorbeigehen:
Das Gut, das gegeben werden konnte, kann weggetragen werden.
Dies rechne ich nicht in die Zahlung hinein an: Dir von deinem Vermögen. Leb wohl.

Autor: Seemann