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Epistulae Morales Ad Lucilium - 007

(1) Du fragst, was du für besonders vermeidenswert halten sollst? Die große Menge. Du wirst dich ihn noch nicht gefahrlos überlassen können. Ich werde selbst aufrichtig meine Schwäche eingestehen: Niemals trage ich die Sitte, die ich hinausgetragen habezurück. Irgendetwas von dem, was ich zurechtgelegt hatte, wird durcheinander gebracht, irgendetwas von jenen (Fehlern) die ich vertrieben habe, kehrt zurück. Was sich den Kranken ereignet, wenn sie die lange Krankheit so sehr angegriffen hat, dass sie nirgendwohin ohne Schaden, ohne Nachteil vor die Tür gebracht werden können, das geschieht uns, deren Seelen sich von einer langen Krankheit erholen.

(2) Verderblich ist der Umgang mit vielen. Jeder beschmier uns, die wir nichts davon wissen, mit irgendeinem Fehler, oder traut ihn uns an oder drückt ihn uns auf. Jedenfalls, desto größer die Menge ist, in die wir gemischt werden, desto größer ist die Gefahr. Nichts aber ist in Wahrheit verderblicher für die guten Sitten als in irgendeinem Spektakel untätig herumzusitzen; dann nämlich schleichen sich durch die Lust ziemlich leicht Fehler ein. Was meinst du das ich sage?

(3) Ich kehre begieriger, ehrgeiziger, verschwenderischer zurück? Ja sogar grausamer und unmenschlicher, (kehre ich zurück), weil ich unter Menschen gewesen bin. Durch Zufall bin ich in das Mittagsspektakel hinein geraten, Spíele erwartend und Späße und irgendeine Erholung, wodurch die Augen der Menschen sich vom menschlichen Blutvergießen beruhigen können. Es ist das Gegenteil: alles das, was vor dem Kampf war, war Mitleid; nun die Späße aufgegeben worden sind, ist reines Morden. Nichts haben sie, womit sie sich bedecken könnten; bei einem Stoß sind sie mit ihrem ganzen Körper ausgesetzt, niemals schlagen sie vergeblich.

(4) Dieses ziehen die meisten den regulären Kampfpaaren und den Publikumslieblingen vor. Warum sollten sie es nicht vorziehen? Nicht durch einen Helm, nicht durch ein Schild wird das Eisen zurückgestoßen. Wozu auch Schutz? Wozu auch Kampfkünste? Alle diese Dinge sind bloß Verzögerungstaktiken des Todes. Morgens werden die Menschen den Bären und Löwen vorgeworfen, mittags ihren Zuschauern. Sie befehlen, dass die Mörder den zukünftigen Mördern vorgeworfen werden und bewahren den Sieger für den nächsten Mord auf. Der Ausgang für die Kämpfer ist der Tod. Es wird mit Eisen und Feuer gekämpft. Dies geschieht während die Arena leer ist.

(5) "Aber irgendeiner hat einen Raub begangen, einen Menschen getötet." Was also? Weil er getötet hat, hat dieser es verdient, dass es dieses erleidet: was hast du Unglücklicher verdient, dass du dieses betrachten musst? "Töte, schlage, verbrenne! Worduch denn läuft er so furchtsam in das Schwert des Gegners? Warum tötet er so wenig kühn? Warum stirbt er so ungern? Durch Schläge soll er in die Wunde getrieben werden, mit bloßer und einander zugewandter Brust sollen sie wechselseitig die Schläge mit nacktem und sich willig darbietendem Körper empfangen." Das Schauspiel wird unterbrochen: "Inzwischen sollen den Menschen die Kehlen durchgeschnitten werden, damit (wörtl: nicht nichts) überhaupt etwas passiert." Nur zu, nur weiter so. Erkennt ihr nicht einmal, dass schlechte Beispiele auf die zurückfallen, die sie vormachen? Dankt den unsterblichen Göttern, das ihr dem lehrt, grausam zu sein, der es nicht lernen kann.

Autor: sunshine 06-08 von flint
Ein zartes und im Guten noch nicht hinreichend befestigtes Gemüt muss man dem Einfluss der großen Menge entziehen: Die Mehrzahl hat eine ansteckende Kraft. Sogar einen Sokrates, einen Cato und Laelius hätte eine ihnen wenn auch noch so unähnliche Menge in ihrem sittlichen Standpunkt irremachen können, geschweige denn, dass einer von uns, die wir gerade jetzt an unserer Geistesbildung arbeiten, dem Angriff von Lastern gewachsen sein würde, die mit so großem Gefolge gegen uns anstürmen. Ein einziges Beispiel von Schlemmerei oder Habsucht richtet viel Unheil an; ein verwöhnter Hausfreund überträgt seine Schlaffheit und Weichlichkeit allmählich auch auf uns; ein reicher Nachbar regt unsere Begehrlichkeit auf; ein bösartiger Genosse lässt auch die lautersten und ehrlichsten Gefährten nicht ohne Spuren seines verunreinigenden Einflusses davonkommen. Worauf muss man sich also gefasst machen, wenn das ganze Volk gegen die Sittlich anstürmt? Hier hat man nur die Wahl zwischen Nachahmen und oder Hassen. Beides aber ist zu meiden. Man soll sich weder den Bösen gleich machen aus keinem anderen Grunde, als weil sie in der Überzahl sind, noch soll man zum Feinde der Menge werden, weil sie nicht gleich mit uns ist. Ziehe dich also in dich selbst zurück soweit wie möglich. Verkehre nur mit Leuten, die dich besser machen können, und lass solche sich an dich anschließen, die du besser machen kannst. So kommt es zu einer Wechselwirkung; man lernt, indem man lehrt.

9.) Es gibt kein Grund dafür, dass die Ruhmsucht der bekannt zu machenden Anlage dich in die Öffentlichkeit führt, dass du vorlesen oder diskutieren willst; was ich wollte, dass du es machst, wenn du eine geeignete Ware für das Volk besäßest: Es gibt niemand, der dich erkennen könnte. Vielleicht wird irgendjemand, einer oder ein anderer daherkommen, und dieser selbst wird dir zu formen und einzurichten sein, damit er dich erkennt (wörtl.: ... wird dir zum Erkennen deiner zu formen und einzurichten sein.). „Für wen habe ich folglich diese Dinge gelernt?“ Es gibt kein Grund, dass du fürchtest, dass du die Arbeit verloren hast, wenn du es für dich gelernt hast.

10.) Aber ich habe heute nicht für mich allein gelernt, ich werde dir mitteilen, welche vorzüglich um den ungefähr selben Sinn drei gesagten Dinge mir entgegengetreten sind; aus diesen wird dieser Brief einen seine Schuld bezahlen, zwei empfange als Vorschuss. Demokrit sagte: „Einer ist mir für das Volk/ anstelle des Volkes, und das Volk ist für den einen/ anstelle des einen.“

11.) Gut sagte auch jener, wer auch immer es gewesen ist (denn über den Urheber wird gestritten), da er von jenem klagte, wodurch er auf die so große Sorgfalt der Kunst, die im Begriff ist, zu den wenigsten zu kommen, zielte: „Wenige sind mir genug, einer ist genug, keiner ist genug.“ Vorzüglich sagte Epikur dies als drittes, als er einem von den Gefährten seiner Studien schrieb: „Ich (schreibe) diese Dinge nicht vielen, sondern dir; denn wir sind einer dem anderen ein großes genügendes Publikum.“

12.) Diese Dinge, mein Lucilius, müssen in den Geist hinein aufbewahrt werden, damit du die Lust/ das Vergnügen , von der Zustimmung mehrerer kommend, verachtest. Viele loben dich: Hast du denn etwa Grund dazu, dass du dir gefällst, wenn du dieser bist, den viele erkennen? Nach innen mögen deine guten Dinge schauen. Leb wohl.

Autor: Mike

Übersetzungsalternative:

Meide die Masse!, Sei du selbst!, Lass dich nicht beeinflussen!
(1) Was suchst du, der du dir besonders das Lebendige urteilst? Die Menge. Noch kannst du dich jener nicht gefahrlos überlassen. Ich werde gewiss meiner Schwäche gestehen: Niemals trage ich den Charakter zurück, welchen ich mitnahm; irgendetwas aus ihm, was ich ordnete, wurde zerstört, irgendetwas aus diesen, welche ich vertrieb, kommt zurück. Was den Kranken geschieht, welche eine lange Schwäche in einem fort angriff, dass sie nirgends ohne Rückfall ins Freie gebracht werden können, dieses befällt uns, deren Seelen sich aus der langen Krankheit wiederherstellen.

(2) Feindlich ist der Umgang unter vielen: jeder vertraut uns irgendeinen Fehler an noch prägt er ihn sich ein noch befleckt er ihn nicht den Nichtwissenden. Jedenfalls je größer die Menge ist, in die wir uns mischen, dieses ist mehr die Gefahr. Wahrlich ist nichts den guten Sitten verderblicher, wie sich in irgendeiner Aufführung niederzusetzen. Dann nämlich schleichen sich die Fehler über das Vergnügen leicht ein.

(3) Was meinst du, was ich damit sage? Kehre ich gieriger, ehrgeiziger, genusssüchtiger zurück? Im Gegenteil grausamer, und unmenschlicher, weil ich unter Menschen war. Durch diesen Grund geriet ich in die mittägliche Vorführung hinein, Spiele erwartende sowohl Witz als auch irgendetwas der Entspannung, wodurch sich die Augen der Menschen von dem menschlichen Blut erholen. Es ist das Gegenteil: alles was vorher gekämpft wurde war Mitleid; nun sind Menschenmorde rein, nachdem die Kleinigkeiten vernachlässigt worden sind. Sie haben nichts, durch was sie geschützt werden; zu einem Hieb hin sind sie mit dem ganzen Körper zur Schau gestellt und niemals führen sie vergeblich einen Hieb aus.

(4) Dies ziehen die meisten den geregelten und verlangten Kampfpaaren vor. Warum sollten sie es nicht vorziehen? Nicht durch einen Helm, nicht durch ein Schild wird das Schwert abgehalten, Wozu der Schutz? Wozu die Künste? Alle diese da sind Verzögerungen de Todes. In der Frühe werden die Menschen den Löwen und Bären, mittags ihren Zuschauern vorgeworfen. Sie befehlen, dass die Mörder den zukünftig tötenden vorgeworfen werden und bewahren den Sieger für einen anderen Mord auf; das Ende der Kämpfenden ist der Tod, Mit dem Schwert und der Fackel wird gekämpft.

(5) Dies geschieht, während der Kampfplatz frei ist. ?Aber irgendeiner machte einen Raubüberfall und hat einen Menschen getötet.? Was nun? Weil er getötet hat, hat jener es verdienst, dass er dies erleiden wird: was hast du unglücklicher verdient, dass du dies betrachtest? ?Töte, schlage, verbrenne! Warum läuft er dem so fürchtend in das Schwert? Warum tötet der so wenig kühn? Warum stirbt er nicht gern genug? Durch Schläge soll er in Wunden getrieben werden, sie sollen mit nackten und offenen Brüsten wechselseitig Schläge aufnehmen.? Das Spektakel wurde unterbrochen: ,Unterdessen werden die Menschen erwürgt, damit etwas passiert.? Handle, versteht ihr dies freilich nicht, dass die schlechten Beispiele in diesem zurückwirken, die sie machen? Macht den unsterblichen Göttern Dank, dass ihr lehrt, dass (d)er grausam ist, welcher nicht lernen kann.

(6) Die zarte und zu wenig im Rechten gefestigte Seele ist eine vom Volk fernzuhaltende: es wird leicht zu den meisten übergegangen. Die Menge von anderer Art hatte dem Sokrates, Cato und Laelius ihre Sitte austreiben können: so sehr kann keiner, welche wir möglichst stark die Begabung formen, von uns dem Angriff von kommenden Fehlern so sehr durch ein großes Gefolge tragen.

(7) Ein einziges Beispiel machte der Genusssucht oder der Gier viel schlecht: allmählich machte der verwöhnte Tischgenosse schlaff und erweichte, der reiche Nachbar reizte die Menge an, der bösartige Gefährte überträgt beliebig dem reinen und einfältigen sein Verderbnis: Was glaubst du, dass diesen Charakteren zustößt, in welchen der Angriff durch das Volk öffentlich ist?

(8) Es ist notwendig, dass du es entweder nachahmst oder hasst. Beides aber muss vermieden werden: damit wirst du dem Fehler gleich, weil es viele sind, damit du vielen feindlich wirst, weil sie unähnlich sind. Zieh dich in dich selbst zurück, so weit du es kannst; verkehre mit diesen, die im Begriff sind, dich besser zu machen, lasse jene zu, die du besser machen kannst. Diese da entstehen wechselseitig, und die Menschen lernen, während sie lehren.

(9) Es besteht kein Anlass, dass der Ruhm des Charakters veröffentlichtes führt, dass du diese Sprichwörter verlierst, oder erörterst; diese will ich, dass du dies machst, wenn du die geeignete Wahre für dieses Volk da besäßest: es gibt niemand, der dich verstehen könnte. Irgendjemand vielleicht, ein einzelner oder ein anderer wird an jemand geraten, und dieser selbst wird dir ein zu Bildender sein und ein dem deinen zum Verständnis zu Erziehenden. Warum lernte ich also dieses da?? Du sollst nicht dieses fürchten, du wirst nicht in der Arbeit verloren gewesen sein, wenn du für dich selbst gelernt hast.

(10) Aber damit ich heute nicht für mich allein gelernt habe, werde ich dir mitteilen, welche 3 gesagte Dinge mir hervorragend fast den ungefähr selben Sinn entgegengetreten sind, aus welchem dieser einen Brief als Schuld einlösen wird, 2 nimm als Vorschuss an. Demokrit sagt, ?mir ist einer für das Volk, und das Volk für einen.?

(11) Gut sagte auch jener, wer auch immer es war (über den Urheber wird nämlich gestritten), als er von jenem gefragt wurde, wohin die so große Sorgfalt der Kunst, um zu den wichtigsten zu gelangen, schaute, ?genug sind mir wenige, genug ist einer, genug ist keiner.? Hervorragend sagte Epicur dieses zum dritten Mal, als er einem aus den Gefährten seiner Studien schrieb: ?Ich (schreibe) diese nicht vielen, aber dir?;

(12) Wir sind nämlich einer dem anderen ein genug großes Publikum.? Dieser da, mein Lucilius, muss im Geist eingeprägt sein, damit du den Willen durch die Zustimmung aus der Menge kommend verachtest. Viele loben dich: hast du Grund, warum du die gefällst, wenn du dieser bist, den viele erkennen? Im Inneren richten sich deine guten (Taten).

Lebwohl.

Autor: Helena Langehein