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Epistulae Morales Ad Lucilium - 002

Seneca grüßt seinen Lucilius
(1) Nach diesen, welche du mir schreibst, und nach diesen, welche ich höre, schöpfe ich gute Hoffnung über dich: Du läufst nicht umher und du beunruhigst nicht durch Wechsel der Orte. Die Sache einer kranken Seele ist diese Unruhe: Ich glaube erstes Zeichen einer ausgeglichenen Seele ist, dass man stehen bleiben kann und sich bei sich aufhalten kann.

(2) Siehe aber dieses, dass nicht die Lektüre vieler Autoren und des ganzen Büchergeschlechts irgendetwas unstetes und schwankendes hat. Es nützt in gefestigtem Geist zu verweilen und sich darin zu nähren, wenn du irgendetwas ziehen wolltest, was treu im Geist sitzt. Nirgends ist, wer überall ist. Dieses geschieht den das Leben auf einer Reise Verbringenden, dass sie viele Gastfreundschaften haben, (aber) keine Freundschaften. Dasselbe möge denjenigen geschehen, denen es unausweichlich ist, wie sie sich der Fähigkeit von niemand vertraut anschließen, sondern auch die Eilenden alles eilig durchlaufen.

(3) Die Speise nützt nicht und kommt dem Körper auch nicht hinzu, die sofort mit Aufwand ausgebrochen wird; Nichts hindert die Heilung gleichsam wie der häufige Wechsel der Heilmittel; Die Wunde wurde nicht zur Narbe (eig. venit ? ist nicht gekommen), an welcher Medikamente erprobt wurden; Die Pflanze wird nicht kräftig, welche oft verpflanzt wird; Nichts ist so nützlich, dass es im Vorbeigehen nützlich ist. Die Menge der Bücher ist zerstreut; Da, weil du nicht lesen kannst, wie viel du hattest, ist es genug zu haben wie viel du lesen magst.

(4) `Aber nur`, sagst du, ` dieses Buch will ich aufschlagen, eben jenes.` Es ist Aufgabe eines Überdruss empfindenden Magens viele Dinge zu kosten; Sobald diese mannigfach und verschieden sind, sie verunreinigen, sie nähren nicht. Daher lies immer bewährte Dinge, und wenn es irgendwann frei sein wird sich anderem zu zuwenden, kehre zu den Vorderen zurück. Irgendeine Hilfe beschaffe täglich gegen die Armut, irgendeine Hilfe beschaffe gegen den Tod, und nicht weniger gegen das übrige Verderben (eig. Pl.); und wenn du vieles durcheilst, hole eines heraus, dass du den Tag durch jenes ertragen kannst. Dieses mache ich selbst auch;

(5) Aus ziemlich vielen Dingen, welche ich gelesen habe, mache ich mir irgendetwas zueigen. Heutig ist dieses, was ich bei (?, von) Epikur bekommen habe (Ich bin es nämlich gewohnt, auch in ein anderes Lager hinüberzugehen, nicht wie ein Überläufer, sondern wie ein Kundschafter): `Eine ehrenhafte Sache ist` , hat er gesagt, `die fröhliche Armut`.

(6) Jene ist aber nicht die Armut, wenn sie fröhlich ist; Nicht jeder, der zu wenig hat, aber jeder, der zu viel begehrt, ist arm. Was nämlich nützt es jenem, wie viel in der Truhe liegen möge, wie viel in den Getreidespeichern, wie viel er weidet oder verleiht, wenn man Fremdes begehrt, wenn man das Gewonnene nicht als Besitz rechnet, sondern als zu Erwerbendes? Du fragst, wer das Maß des Reichtums sei? Als erstes zu haben, was nötig ist, als nächstes, was genug ist.

Lebwohl.

Autor: Helena Langehein