Latein24.de

Epistulae Morales Ad Lucilium - 001

Lebe und achte die Zeit! / Carpe diem!
(1) Handle so, mein Lucilius: nimm dich in Anspruch für dich, und sammle und bewahre die Zeit, die entweder weggenommen wurde oder entwendet oder verloren ging. Überzeuge dich davon dass es so ist, wie ich schreibe, gewisse Zeiten werden uns entrissen, gewisse werden uns entzogen, gewisse entrinnen. Am schändlichsten dennoch ist der Verlust, welcher durch Nachlässigkeit entsteht. Und wenn du Acht geben wolltest, entgleitet ein großer Teil des Lebens den Schlechthandelnden, der größte Teil den Nichtstuenden, das ganze Leben en anders Handelnden.

(2) Wen wirst du mir zeigen, dass er irgendeinen Preis für die Zeit aussetzt, dass er den Tag schätzt, dass er täglich versteht, dass er sterben wird? Wir irren uns nämlich in diesem, dass wird den Tod vor uns sehen: Ein großer Teil dessen geht nämlich schon vorbei; Alles, was in der Vergangenheit des Lebens ist, hält der Tod. Handle also so, mein Lucilius, dass du das machst, was du schreibst, um alle Stunden zu umarmen; So wird es geschehen, dass du wenig vom morgigen Tag abhängig sein wirst, wenn du am heutigen Tag die Hand auflegen wirst. Solange das Leben ausgedehnt wird, vergeht es.

(3) Alle Dinge, Lucilius, sind unpassend, unsere Zeit ist so groß; Die Natur hat uns in den Besitz von dieser einen flüchtigen und entgleitenden Sache geschickt, aus der sie jeden, der es will, vertreibt. Und die Dummheit der Menschen ist so groß, sodass sie sich das, was kleiner und billiger ist, sicherlich ersetzbar ist, sie sich in Rechung stellen lassen; immer wenn sie es durch Bitten erlangt haben, dass niemand aber, der die Zeit besitzt, urteilt, dass er jemandem etwas schulde, während doch dies das einzige ist, dass er nicht einmal dankbar zurückgeben kann.

(4) Du wirst vielleicht fragen, was ich machen soll, der ich dir diese Vorschriften mache. Ich werde aufrichtig bekennen: Was bei den Wohlhabenden aber Sparsamen herauskommt, die Berechnung des Aufwandes ist mir bekannt. Ich könnte nicht sagen, dass ich nichts verliere, sondern ich könnte sagen, was ich aus welchem Grund und auf welche Weise auch immer verliere; ich werde Rechenschaft über meine Armut ablegen. Aber es geschieht mir das, was den Meisten passiert, die nicht aus eigenen Fehlern in die Not gelangt sind: Alle verzeihen ihnen, aber niemand eilt zur Hilfe.

(5) Ich halte denjenigen nicht für arm, dem, wie wenig es auch ist, es genug ist. Du solltest dennoch in einer schlechten Zeit das Deinige bewahren und, in einer guten Zeit solltest du damit anfangen. Denn, wie es unseren Vorfahren gut schien, `späte Sparsamkeit liegt auf dem Grunde des Weingefäßes` (Lebensende); denn nicht nur das Geringste, sondern auch das Schlechteste bleibt ganz unten zurück.

Lebwohl.

Autor: Helena Langehein