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De Vita Beata - 07


Auch diejenigen, die sagen, dass das höchste Gut im Bauch liegt, verstehen, an welch schändliche Stelle sie jenes gelegt haben. Deshalb leugnen sie, dass das Vergnügen von der Tugend getrennt werden kann und sie sagen weder lebe jemand ehrenhaft, ohne dass er angenehm lebt, noch lebe jemand angenehm, ohne dass er ehrenhaft lebt. Ich verstehe nicht, wie so Unterschiedliches miteinander verknüpft werden kann. Ich bitte euch, was ist denn der Grund, warum das Vergnügen nicht von der Tugend getrennt werden kann? offenbar, weil jeder Ursprung für das Gute in der Tugend liegt, aus dessen Wurzeln auch das entsteht, was ihr sowohl liebt als auch erstrebt. Wenn diese Dinge aber nicht unterscheidbar wären, würden wir einiges angenehme, aber unehrenhafte, und einiges äußerst ehrenhafte, aber unangenehme und nur durch Schmerzen zu erreichende nicht sehen. Jetzt füge noch die Tatsache hinzu, dass das Vergnügen auch in das ehrloseste Leben tritt, die Tugend jedoch ein sittlich schlechtes Leben nicht gestattet, und dass einige nicht ohne Vergnügen, ja sogar aufgrund des Vergnügens an sich unglücklich sind; das würde nicht passieren, wenn sich das Vergnügen, welches die Tugend oft entbehrt, aber niemals nötig hat, mit der Tugend vermischt hätte. Warum fügt ihr Unähnliches, ja sogar Verschiedenes aneinander? Die Tugend ist etwas Erhabenes, Herausragendes und Königliches, etwas Unbesiegbares und Unermüdliches: das Vergnügen aber ist etwas Schwaches, Knechtisches, etwas Gebrechliches und Vergängliches, dessen Aufenthalts- und Wohnort die Hurenhäuser und Kneipen sind. Aber der Tugend wirst du im Tempel, auf dem Forum und im Senat begegnen, vor den Mauern stehend, staubig, gebräunt und mit schwieligen Händen: dem Vergnügen wirst du begegnen, wie es sich öfters versteckt und die Dunkelheit sucht, bei Badehäusern und Schwitzbädern und Orten, die den Adel fürchten, weichlich, kraftlos, vor Wein und Salbe triefend, bleich oder bepinselt und mit Schminke einbalsamiert. Das höchste Gut ist unvergänglich, es kann nicht verschwinden, und es bringt weder Sättigung noch Reue mit sich; denn der rechte Geist wandelt sich nie, weder hasst er sich selbst noch hat er, der Beste, etwas an sich verändert. Das Vergnügen aber wird dann ausgelöscht, sobald es sich am meisten ergötzt; es hat nicht viel Raum, deshalb befriedigt es schnell und widert an und hat schon nach dem ersten Anlauf keine Kraft mehr. Und etwas, dessen Wesen immer in Bewegung ist, ist niemals zuverlässig: so kann nicht einmal ein bisschen Substanz in einer Sache sein, die kommt und sehr schnell wieder vorübergeht und gerade beim Genuss von sich selbst zugrunde gehen wird; denn es eilt dorthin, wo es aufhören muss, und während es beginnt, blickt es schon auf das Ende hin.

Autor: gandalf (Forum)