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De Vita Beata - 04

Unser Gut kann auch anders definiert werden, das heißt, dass dieselbe Ansicht nicht mit denselben Worten ausgedrückt wird. Genau wie dasselbe Heer bald weiter ausgebreitet bald in die Enge getrieben wird und es entweder im Mittelteil zu kreisförmigen Heeresflügeln gekrümmt wird oder in einer geraden Schlachtordnung aufgestellt wird, wie es auch immer aufgestellt sei, ist die Kraft und der Wille für dieselbe Seite einzustehen dieselbe, so kann die Definition des höchsten Gutes das eine Mal breit ausgeführt und dargelegt werden, das andere Mal kurz und bündig in sich zusammengefasst werden. Deshalb wird es dasselbe sein, wenn ich sage "Das höchste Gut ist ein Geist, der auf Zufälligkeiten verächtlich herabblickt und sich seiner Tugend erfreut" oder "eine unbezwingbare Kraft der Seele, welterfahren, ruhig im Handeln, mit viel Menschlichkeit und Fürsorge den Mitmenschen gegenüber." Es ist auch erlaubt den Begriff so abzugrenzen, dass wir diesen Menschen glücklich nennen, der nichts Gutes und nichts Böses hat, außer eine gute und böse Seele, diesen nennen wir Freund der Ehrlichkeit und zufrieden mit seiner Tugend, den Zufälligkeiten weder übermütig machen noch entmutigen, der kein größeres Gut kennt als das, welches er sich selbst geben kann und für den die Verachtung von Vergnügungen das wahre Vergnügen ist. Wenn du abschweifen willst, kannst du dasselbe ohne den Sinn gewaltsam zu verletzen oder zu beeinträchtigen in die ein oder andere Form übertragen; denn was hindert uns daran zu sagen, dass ein glückliches Leben einen freien, entschlossenen und unerschrockenen sowie einen unerschütterlichen Geist bedeutet, der über Furcht und Begierde erhaben ist, für den die Ehrlichkeit das einzige Gut, die Unsittlichkeit das einzige Übel ist, wobei das übrige unbedeutende Getümmel der Welt weder irgendetwas vom glücklichen Leben wegnimmt noch hinzugibt und ohne Vermehrung und ohne Verminderung des höchsten Gutes kommt und wieder geht? So folgt dieser Grundlage notwendigerweise – ob man will oder nicht – beständige Heiterkeit und eine tiefe und aus der tiefe kommende Fröhlichkeit, weil diese sich über das Ihrige freut und sich nichts wünscht, was noch größer als ihr Eigentum ist. Wie könnte wohl diese Heiterkeit nicht Gewinn bringend mit den unbedeutenden und nichtigen und beharrlichen Trieben des wertlosen Leibes gleichziehen? AmTag, an dem sie dem Vergnügen unterliegt, unterliegt sie dem Schmerz; aber du siehst, welcher schlimmen und schadhaften Sklaverei einer gehorchen würde, den Vergnügen und Schmerz, die unzuverlässigsten und machtlosesten Gebieter, abwechselnd besitzen würden; also muss man zur Freiheit emporgesteigen. Diese wird uns durch nichts anders geschenkt als durch die Sorglosigkeit gegenüber dem Schicksal: dann ensteht jenes unschätzbare Gut: die Ruhe eines sicher untergebrachten Geistes, Erhabenheit sowie nach Beseitigung der Irrtümer große und ungestörte Freude aus der Kenntnis der Wahrheit heraus und Fröhlichkeit und Heiterkeit des Geistes; darüber wird man sich freuen, nicht wie über Güter sondern wie über etwas, das aus einem Gut heraus entstanden ist.

Autor: gandalf