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De Vita Beata - 02

Wenn es sich um ein glückliches Leben handelt, ist es nicht jenes, was du mir nach Art einer Abstimmung antwortest: „Dieser Teil scheint größer zu sein.“ Deswegen ist er nämlich der Schlechtere. Mit den Angelegenheiten der Menschen verhält es sich nicht so gut, dass das Bessere den Meisten gefällt: die Menge ist ein Beweis für das Schlechteste. Lasst uns also fragen, was am besten, nicht was am gebräuchlichsten zu tun ist, und was uns in den Besitz ewiger Glückseligkeit bringt, nicht was von der Menge, dem schlechtesten Vermittler der Wahrheit, gutgeheißen wird. Als Menge bezeichne ich die mit dem Reisemantel sowie die mit Kronen. Denn ich betrachte nicht die Farbe der Kleider, mit denen die Körper bedeckt sind. Ich urteile über einen Menschen nicht mit den Augen, ich habe ein besseres und sichereres Licht, mit dem ich das Wahre vom Falschen unterscheiden kann. Der Verstand findet das Gute des Herzens. Wenn es jenem manchmal freisteht aufzuatmen und in sich zu gehen, o wie wird dieser – von sich selbst gefoltert – sich die Wahrheit eingestehen und sagen: "Was auch immer ich bis jetzt gemacht habe, ich möchte lieber, dass es zugrunde geht, was auch immer ich, wenn ich so überlege, gesagt habe, ich beneide die Stummen, was auch immer ich mir gewünscht habe, ich halte es für einen Fluch meiner Feinde, was auch immer ich gefürchtet habe, oh gnädige Götter, um wie viel unbedeutender war es als das, was ich begehrt habe. Ich stand mit vielen Menschen in Feindschaft und aus dem Hass bin ich zur Dankbarkeit zurückgekehrt, wenn es nur Dankbarkeit inmitten der Übel gibt: ich bin noch nicht einmal von mir selbst ein Freund. Ich habe mir alle Mühe gegeben, dass ich mich über die Menge erhoben und durch irgendein Talent bemerkbar gemacht habe. Was habe ich anderes davon, als dass ich mich den Geschossen entgegengestellt habe und dass ich dem Hass das gezeigt habe, was mir wehtat? Siehst du diese Leute, die die Beredsamkeit loben, die dem Reichtum nachjagen, die dem Ruhm hinterher kriechen und die die Gewalt preisen? Alle sind entweder Feinde oder – was gleichrangig ist – sie können es ein; wie groß das Volk der Bewunderer ist, so groß ist das der Neider. Warum suche ich nicht lieber irgendein nützliches Gut, das ich fühlen kann und keines, das ich vorzeigen kann? Diese Dinge da, die betrachtet werde, für die man stehen bleibt und die der eine dem anderen staunend zeigt, glänzen nach außen hin, aber innen sind sie erbärmlich."

Autor: gandalf