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De Ira - 1, 18

Die Vernunft gibt beiden Parteien Zeit, dann verlangt sie für sich auch eine Bedenkzeit um Gelegenheit zu haben die Wahrheit zu erforschen, der Zorn ist voreilig. Die Vernunft will jenes Urteil fällen was gerecht ist, der Zorn will das, dass gerecht scheint was er geurteilt hat. Die Vernunft betrachtet nichts außer selbst, um die es geht. Der Zorn wird bewegt von bedeutungslosen Dingen die nicht zur Sache gehören. Das unbesorgtere Gesicht, die klarere Stimme, die freie Rede, die schönere Kultur, den ehrgeizigeren Rechtsbeistand (und) die allgemeine Beliebtheit hetzen gegen jenen auf. Oft verurteilt der feinseelige Zorn mit dem Schutzherrn den König. Auch wenn er von Wahrheit die Wahrheit den Augen aufgedrängt wird, liebt und bewahrt er den Fehler. Er will nicht verurteilt werden und wenn er etwas falsch gemacht hat scheint jene Hartnäckigkeit ehrlicher als Reue. Piso war in unseren Erinnerungen ein Mann von vielen Fehlern unberührt, einer dem Eigensinn statt Behaglichkeit gefiel. Als dieser zornig befohlen hatte, den zur Hinrichtung zu führen, der ohne seinen Kameraden vom Holen von Proviant und Futter zurück gekommen war, als ob er den angeblich getötet hätte, den er nicht herbrachte, gab er dem Bittenden keinen Aufschub um (ihn) zu suchen. Der Verurteilte wurde außerhalb des Walles vorgeführt und beugte schon den Nacken zur Hinrichtung, als plötzlich jener Kamerad auftauchte, der getötet schien. Dann befiehlt der mit der Hinrichtung beauftragte Zenturio Strafrichter, das Schwer einzustecken und das Urteil aufzuheben, denn das Schicksal hatte dem Soldaten die Unschuld zurück gegeben. Eine eine hielt den anderen umschlungen und die Kameraden wurden in einem großen Auflauf und unter großer Freunde des Lagers weg geführt. Wütend besteigt Piso das Tribunal und befielt sowohl diesen Soldaten, der nicht getötet hatte, als auch den der nicht gestorben war zur Hinrichtung zu führen. Was ist schändlicher als dies? Weil sich einer als unschuldig herausgestellt hatte, starben zwei. Piso fügte auch einen Dritten hinzu. Denn er befiehlt den Centurio selbst, der den Verurteilten zurückgebracht hatte, zur Hinrichtung zu führen. Alle drei sind an demselben Ort zur Hinrichtung bestimmt worden, wegen der Unschuld eines Einzelnen! Oh wie erfinderisch ist der Jähzorn um Gründe des Zornes zu finden. Er sagte: „Dich befehle ich zur Hinrichtung zu führen, weil du verurteilt bist. Dich, weil du Grund zur Verturteilung des Gefährten warst, dich, weil du den Befehl des Herrschers, zu töten, nicht gehorcht hast!“ Er erfand, auf welche Weise er drei Verbrechen schaffen kann, weil er keines entdecken konnte.

Autor: stephantom