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De Brevitate Vitae - 10, 02-04 (Drei Zeiten -- Zeit und Fortuna)

(2) In drei Abschnitte wird das Leben eingeteilt: was war, was ist und was sein wird. Von diesen ist der kurz, den wir (gerade) erleben -- zweifelhaft, den wir erleben werden -- gewiss, den wir erlebt haben; das ist es nämlich, über welches Fortuna ihre Gerechtigkeit verloren hat, (über) welches in niemandes Willkür (/Herrschaft) wieder zurückgebracht werden kann.

(3) Diesen <Abschnitt> büßen die Beschäftigten ein; denn nicht haben jene Zeit, Vergangenes (Pl.) zu überdenken, und falls sie die Zeit haben, ist <ihnen> die Erinnerung an die Sache, die bereut werden muss, unangenehm. <Nur> ungern lenken sie daher in Gedanken auf die schlecht verbrachten Abschnitte zurück und wagen nicht, diese <Abschnitte> wieder anzurühren, deren Fehler, wenn sie^1 sich auch durch den Reiz eines gegenwärtigen Genusses (damals) dem Blicke entzogen, bei erneuter Betrachtung ans Licht kommen.

(4) Niemand, wenn nicht alle Dinge (/Handlungen) von diesem unter seinem kritischen Blicke getan worden sind, welcher^2 sich niemals täuschen lässt, wendet sich gern der Vergangenheit zu; es ist notwendig, dass jener seine Erinnerung fürchtet, der Vieles (Pl.) durch Ehrgeiz begehrt, hochmütig verachtet, ohne Selbstbeherrschung besiegt, hinterlistig betrogen (/erworben), gierig geraubt und verschwenderisch vergeudet hat, seine Erinnerung fürchtet. Aber doch ist dieser Teil unserer Zeit heilig und geweiht, allen menschlichen Zufällen überhoben, darüber hinaus der Herrschaft Fortunas entzogen, welchen nicht Mangel, nicht Furcht, nicht der Ansturm der Krankheiten beunruhigt (/beunruhigen kann); er^3 kann nicht gestört, nicht geraubt werden; sein Besitz ist ewiglich und unerschrocken. Gegenwärtig sind nur einzelne die Tage, und diese von Augenblick zu Augenblick; aber alle Tage der vergangenen Abschnitte werden <euch> dann gegenwärtig sein, wenn ihr es befohlen haben werdet; sie werden erlauben, dass ihr sie nach eurem Belieben betrachtet und festhaltet; die Beschäftigten haben dazu keine Zeit.

1 (die Beschäftigten)

2 (der kritische Blick)

3 (der Teil)

Autor: Imke Zugermeier