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De Brevitate Vitae - 08, 01-03 (Unterschätzung des Wertes der Zeit)

(1) Ich pflege mich zu wundern, wenn ich einige sehe, dass sie um Zeit zu bitten und diejenigen, die darum gebeten werden, äußerst bereit sind (>ihre Zeit zu geben>); jeder von beiden guckt auf jenes, weswegen die Zeit erbeten worden ist, die Zeit selber (<sieht>) allerdings keiner: als ob nichts bestrebt wird, als ob nichts gegeben wird, mit der wertvollsten Sache von allen spielt man; sie bleibt aber jenen verborgen, weil sie ein körperlos ist, weil sie nicht gesehen wird und deshalb für überaus wertlos gehalten wird, <ja> im Gegenteil: sie hat nahezu keinen Wert.

(2) Jahresgehalt, Geschenke nehmen die Menschen sehr gerne an und wenden für diese entweder ihre Arbeit, Mühe oder Sorgfalt auf: Niemand schätzt die Zeit; sie gebrauchen sie zu sorglos, als sei sie umsonst. Aber sieht dir dieselben Menschen als Kranke an; wenn die Todesgefahr näher herangerückt ist, wenn sie die Knie der Ärzte fassen; (sieh sie dir an,) wenn sie das Todesurteil fürchten, wenn sie bereit sind, alle ihre Sachen zu opfern, um zu leben! So groß ist in ihnen der Zwiespalt der Leidenschaften!

(3) Wenn es nun möglich wäre, wie bei den vergangenen Jahren so auch bei den künftigen eines jeden Zahl sich vor Augen zu führen; wie würden dann jene, die sehen, dass nur noch wenige Jahre übrig sind, zittern, wie würden sie mit ihnen sparsam umgehen! Und doch ist es einfach, eine noch so geringe Menge einzuteilen, die sicher ist; dies muss noch sorgfältiger gehütet werden, wovon/von dem du nicht weißt, wann es zuende ist.

Autor: Imke Zugermeier