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De Brevitate Vitae - 07, 01-04 (Laster -- Leben und Sterben lernen)

(1) Und ich zähle besonders jene auf, die ihre Zeit für keine Sache außer Wein und Wolllust verwenden; denn keine <Menschen> sind schändlicher beschäftigt. Wenn die Übrigen auch durch die trügerische Vorstellung des Ruhmes gefesselt sind, irren sie trotzdem auf eine ansehliche Art und Weise; magst du mir auch die Geizhälse, magst du die Jähzornigen aufzählen oder diejenigen aufzählen, die Hass, Unrecht oder Kriege ausüben -- alle diese irren sich auf eine ziemlich männliche Art und Weise: Die Krankheit ist für diejenigen, die Leid und Wolllust unterworfen sind, unehrenhafter.

(2) Prüfe alle Lebensumstände dieser <Menschen>, sieh, wie lang sie rechnen, wie lang sie im Hinterhalt liegen, wie lang sie fürchten, wie lang sie (jemandem) hofieren und wie lange sie selbst hofiert werden, wie viel sehr ihre eigenen und sogar fremde Gerichtstermine sie einnehmen, wie lange <Zeit> Gastmähler, welche schon selbst Verpflichtungen sind: Du wirst sehen, wie ihre eigenen Laster und ihre eigenen Vorzüge nicht zulassen, dass jene sich <wieder> erholen.

(3) Schließlich sind sich alle einig, dass keine Sache gut von einem überlasteten Menschen betreiben werden kann, nicht Redegewandheit, nicht die freien Künste, da ja die vielbeschäftigte Seele nichts tiefer in sich aufnimmt, sondern alles wie mit Gewalt Hineingestopftes <wieder> ausspeiht. Nichts liegt einem vielbeschäftigten Menschen ferner als zu leben: Die Einsicht keiner <anderen> Sache ist schwieriger.

Lehrer der anderen Künste gibt es überall und zahlreich, aber die noch sehr jungen Knaben schienen gewisse von diesen Künsten so begriffen zu haben, dass auch sie lehren können: Man muss das ganze Leben <lang> lernen zu leben und, was dich vielleicht mehr verwundern wird, man muss das ganze Leben <lang> lernen zu sterben. (4) So viele äußerst große Männer kümmerten sich nach Beseitigung aller Hindernisse, nachdem sie Reichtum, Verpflichtungen und Wolllust versagt hatten, ununterbrochen um dieses eine bis zum Ende ihres Lebens, damit sie zu leben lernten; die Mehrzahl von diesen ging dennoch aus dem Leben fort, obwohl sie bekannten, dass sie es noch nicht wüssten, geschweige denn, dass diese^^1 es wissen.

1 Gemeint sind die "Durchschnittmenschen".

Autor: Imke Zugermeier