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De Brevitate Vitae - 03, 04-05 (Aufschieben ins Alter)

Was ist also die Ursache?

Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet, niemals kommt euch eure Schwäche in den Sinn, ihr nehmt nicht wahr, wie viel der Zeit schon vergangen ist; wie ihr <sie> aus dem Vollen schöpfend vergeudet, obwohl unterdessen vielleicht eben jener Tag selbst der letzte ist, der entweder irgendeinem Menschen oder irgendeiner Sache geschenkt wird.

Alles fürchtet ihr wie Sterbliche, alles wünscht ihr wie Unsterbliche.

Du wirst die Meisten sagen hören: "Vom 50. Lebensjahr an werde ich mich ins Otium zurückziehen, das 60. Lebensjahr wird mich von den Pflichten entbinden!"

Und wen nimmst du schließlich als Bürge für ein längeres Leben? Wer wird dulden, dass dies so verläuft wie du es einrichtest?

Ist es dir nicht peinlich, dir die Reste des Lebens aufzusparen und diese Zeit allein für das geistige Wohl/wahre Besinnung zu bestimmen, die für keine andere Sache / für nichts anderes verwendet werden kann?

Wie spät ist es, dann zu leben / mit dem Leben (subst. Verb) zu beginnen, wenn es ein Ende nimmt! Was für eine so törichte Vergessenheit der Sterblichkeit <ist es>, auf das 50. und das 60. Lebensjahr den vernünftigen Vorsatz zu verschieben und zu dem Zeitpunkt das Leben beginnen zu wollen, wohin nur wenige <das Leben> bringen!

Autor: Imke Zugermeier