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Bellum Catilinae - Kap. 20

Obwohl Catilina in zahlreichen Einzelgesprächen viele Themen erörtert hatte, hielt er es dennoch für sachdienlich, seine Anhänger alle zusammen anzusprechen und ihnen Mut zu machen. Als er sah, dass alle diejenigen, die ich vor kurzem erwähnt habe, eingetroffen waren, zog er sich mit ihnen in einen verborgenen Teil seines Hauses zurück, entfernte sämtliche lästigen Zeugen und hielt in etwa folgende Rede:

"Wenn mir nicht eure Tapferkeit und Treue bestens bekannt wäre, hätte sich die günstige Lage umsonst ergeben; die große Hoffnung auf die Macht wäre vergeblich in unserer Hand gewesen; ich würde auch nicht mit nichtsnutzigen Dummköpfen das Risiko gegen die Sicherheit eintauschen. Weil ich euch nun aber in vielen gewaltigen Stürmen als tapfer und mir treu ergeben kennengelernt habe, wage ich es, das bedeutendste und herrlichste Unternehmen anzugehen, zugleich auch weil ich erkannt habe, dass ihr die gleichen Vorstellungen von Gut und Übel habt wie ich; denn dasselbe zu wollen und nicht zu wollen, das erst ist starke Freundschaft.

Meine Überlegungen hat jeder einzelne von euch schon einmal gehört. Im übrigen steigt meine Entschlossenheit jeden Tag mehr, wenn ich mir vergegenwärtige, welche Lebensbedingungen herrschen, wenn wir uns nicht selbst in die Freiheit retten. Denn als der Staat in die legitime Gewalt von wenigen Mächtigen geraten war, waren Könige und Fürsten stets denen gegenüber steuerpflichtig, haben Völker und Nationen denen Tribut gezahlt: der ganze Rest, wir Fleißigen, Anständigen, adlig oder nicht, wir waren bloß Pöbel, ohne Dank, ohne Ansehen, abhängig von Leuten, die Angst vor uns haben müssten, wenn der Staat gesund wäre. Deshalb befindet sich auch aller Dank, alle Macht und Ehre, aller Reichtum bei denen, oder da, wo diese wollen; für uns haben sie Unsicherheit, Frustration, Prozesse und Armut übrig gelassen.

Wie lange wollt ihr heldenhaften Männer das noch hinnehmen? Ist es nicht besser, tapfer zu fallen als ein armseliges und ehrloses Leben schändlich zu verlieren, dem Hochmut anderer zum Gespött? Denn in der Tat liegt, beim Glauben an Götter und Menschen, der Sieg bereits in unserer Hand! Wir sind gesund und kräftig, und wir sind klug; denen jedoch ist durch ihr Alter und ihr Geld alles erschlafft. Man muss nur den ersten Schritt tun, den Rest erledigt die Sache von selbst. Denn welcher Sterbliche, der ein Mann ist, kann es ertragen, dass denen Reichtum im Überfluss zur Verfügung steht, bloß damit sie ihn verschleudern, indem sie das Meer überbauen und Berge einebnen, dass es uns hingegen am Nötigsten fehlt? Dass die da zwei und mehr Häuser aneinanderreihen, wir aber nirgends einen Hausaltar unser eigen nennen? Wenn diese da sich Bilder, Skulpturen und Metallgefäße kaufen, Neuerbautes abreißen und wieder neu bauen, letztlich auf jede erdenkliche Weise ihr Geld zum Fenster hinauswerfen, können sie trotz schlimmster Vergnügungssucht ihrem Reichtum nicht Herr werden. Aber wir haben zu Hause Not, draußen Schulden, eine katastrophale wirtschaftliche Lage und noch viel schlimmere Aussichten: was bleibt uns letztlich als bloß unser armseliges Leben?

Warum steht ihr also nicht auf? Seht doch, die Freiheit - die, welche ihr oft schon ersehnt habt, dazu Wohlstand, Ehre und Ruhm liegen vor euren Augen: das Schicksal hat all das den Siegern als Preis ausgesetzt; Lage, Zeitpunkt, Unsicherheit, Not sowie die großartige Kriegsbeute treiben euch doch mehr an als meine Rede; nehmt mich als Feldherrn oder auch als gemeinen Soldaten: ich werde euch mit meinem Körper wie mit meinem Geist zur Seite stehen. All das werde ich hoffentlich mit euch zusammen wie ein Konsul unternehmen - wenn ich mich nicht doch täuschen sollte und ihr lieber zum Sklavendienst als zum Herrschen bereit seid."

Verfasst von: Catullus