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Epistulae - Buch 05, 16 (Trauer um ein Mädchen)


Folgendes schreibe ich dir mit traurigem Gemüt, weil nämlich die Tochter unseres Fundanus gestorben ist. Niemals sah ich etwas, das jemals fröhlicher und liebenswerter war, als dieses Mädchen und nichts sah ich, das nicht nur einem ziemlich langem Leben, sondern viel mehr der Unsterblichkeit würdiger war als dieses Mädchen. Sie hatte noch nicht das 14. Lebensjahr vollendet und schon hatte jene die Klugheit einer alten Frau, die Würde einer reifen Frau und dennoch mädchenhaften Charme zusammen mit jungfräulicher Scheu. Wie sehr hing jene doch am Halse des Vaters! Wie sehr umarmte sie uns, die Freunde des Vaters, liebevoll und bescheiden! Wie sie doch Ammen, Erzieher und Lehrer, und zwar jeden gemäß seiner Stellung liebte! Wie eifrig und verständig sie doch vorgelesen hat! Wie sie doch maßvoll und behutsam spielte!
Durch welche Selbstbeherrschung , durch welche Geduld und auch durch welche Standhaftigkeit ertrug jene die letzte Krankheit! Sie gehorchte den Ärzten, ermunterte ihre Schwestern und ihren Vater und sie hielt sich durch Willenskraft aufrecht, obwohl sie selbst von den Körperkräften verlassen wurde. Optimismus blieb jener bis zum letzten Augenblick und er wurde weder von der Dauer der Krankheit, noch von der Furcht vor dem Tod gebrochen, sodass sie uns noch mehr traurigere Gründe sowohl für Sehnsucht als auch für Schmerz hinterlassen hat. O trauriges und gänzlich bitteres Begräbnis! O Zeitpunkt des Todes, unpassender als der Tod selbst! Sie war schon für einen hervorragenden jungen Mann bestimmt, der Tag der Hochzeit war schon ausgewählt und wir waren schon eingeladen! O durch welche Trauer wurde diese Freude zunichte gemacht! Ich kann nicht mit Worten ausdrücken, wie großen Schmerz ich im Herzen ertragen musste, als ich Fundanus selbst hörte, wie der Schmerz viel Trauriges zum Vorschein brachte, als er bekannt gab, dass er,was er für Kleider und Perlen ausgeben wollte, nun für Weihrauch, Salböle und Düfte ausgebe. Jedenfalls ist jener ein Gebildeter und Weiser, weil er sich vom beginnenden Jugendalter an den höheren Wissenschaften und Künsten hingegeben hat; aber nun weist er alles zurück, was er oft gehört und gesagt hat und ist ganz mit Kinderliebe erfüllt, nachdem er jetzt die anderen Tugenden über Bord geworfen hat.
Du wirst es vergeben uns sogar loben, wenn du überlegst, was er verloren hat. Er hat nämlich die Tochter verloren, die nicht weniger den Charakter als auch seinen Mund und Gesichtsausdruck wiederspiegelte und den ganzen Vater mit auffallender Ähnlichkeit kopierte. Wenn du ihm daher irgendwelche Briefe über den so wohl begründeten Schmerz schicken willst, bedenke ein Trostmittel zu verwenden, jedoch nicht ein zurechtweisendes und zu forsches, sondern ein sanftes und menschliches. Damit dieses leichter passiert, wird ein Zeitraum von mittlerer Länge viel (Trost) schaffen. Wie nämlich eine noch blutende Wunde die Hände von Ärzten scheut, sie dann aber erträgt und freiwillig anstrebt, so lehnt der frische Seelenschmerz Tröstungsversuche ab und flüchtet vor ihnen, bald aber sehnt er sich danach und findet Trost, wenn sie sanft herbeigerückt sind. Leb wohl!

Autor: conny