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Metamorphosen - 06, 146-209 (Niobe)

Lateinisches Original:
Lydia tota fremit, Phrygiaeque per oppida facti
rumor it et magnum sermonibus occupat orbem.
ante suos Niobe thalamos cognoverat illam,
tum cum Maeoniam virgo Sipylumque colebat;
nec tamen admonita est poena popularis Arachnes,               150
cedere caelitibus verbisque minoribus uti.
multa dabant animos; sed enim nec coniugis artes
nec genus amborum magnique potentia regni
sic placuere illi, quamvis ea cuncta placerent,
ut sua progenies; et felicissima matrum               155
dicta foret Niobe, si non sibi visa fuisset.
nam sata Tiresia venturi praescia Manto
per medias fuerat divino concita motu
vaticinata vias: 'Ismenides, ite frequentes
et date Latonae Latonigenisque duobus               160
cum prece tura pia lauroque innectite crinem:
ore meo Latona iubet.' paretur, et omnes
Thebaides iussis sua tempora frondibus ornant
turaque dant sanctis et verba precantia flammis.
     Ecce venit comitum Niobe celeberrima turba               165
vestibus intexto Phrygiis spectabilis auro
et, quantum ira sinit, formosa; movensque decoro
cum capite inmissos umerum per utrumque capillos
constitit, utque oculos circumtulit alta superbos,
'quis furor auditos' inquit 'praeponere visis               170
caelestes? aut cur colitur Latona per aras,
numen adhuc sine ture meum est? mihi Tantalus auctor,
cui licuit soli superorum tangere mensas;
Pleiadum soror est genetrix mea; maximus Atlas
est avus, aetherium qui fert cervicibus axem;               175
Iuppiter alter avus; socero quoque glorior illo.
me gentes metuunt Phrygiae, me regia Cadmi
sub domina est, fidibusque mei commissa mariti
moenia cum populis a meque viroque reguntur.
in quamcumque domus adverti lumina partem,               180
inmensae spectantur opes; accedit eodem
digna dea facies; huc natas adice septem
et totidem iuvenes et mox generosque nurusque!
quaerite nunc, habeat quam nostra superbia causam,
nescio quoque audete satam Titanida Coeo               185
Latonam praeferre mihi, cui maxima quondam
exiguam sedem pariturae terra negavit!
nec caelo nec humo nec aquis dea vestra recepta est:
exsul erat mundi, donec miserata vagantem
"hospita tu terris erras, ego" dixit "in undis"               190
instabilemque locum Delos dedit. illa duorum
facta parens: uteri pars haec est septima nostri.
sum felix (quis enim neget hoc?) felixque manebo
(hoc quoque quis dubitet?): tutam me copia fecit.
maior sum quam cui possit Fortuna nocere,               195
multaque ut eripiat, multo mihi plura relinquet.
excessere metum mea iam bona. fingite demi
huic aliquid populo natorum posse meorum:
non tamen ad numerum redigar spoliata duorum,
Latonae turbam, qua quantum distat ab orba?               200
ite—satis pro re sacri—laurumque capillis
ponite!' deponunt et sacra infecta relinquunt,
quodque licet, tacito venerantur murmure numen.
     Indignata dea est summoque in vertice Cynthi
talibus est dictis gemina cum prole locuta:               205
'en ego vestra parens, vobis animosa creatis,
et nisi Iunoni nulli cessura dearum,
an dea sim, dubitor perque omnia saecula cultis
arceor, o nati, nisi vos succurritis, aris.


Ganz Lydia hallte wider und das Gerede der Tat ging durch die Städte Phrygiens und es erfasste den großen Kreis der Länder mit Gerede. Niobe hatte vor ihrer kinderreichen Ehe jene kennen gelernt damals, als die junge Frau in Maeonia und Sipyhis gewohnt hatte; und dennoch ist sie nicht vor der Strafe der zum selben Volk gehörigen Arachne gewarnt worden zu den himmlischen Göttern zu gehen und weniger Worte zu gebrauchen. Vieles gab ihr Selbstvertrauen; aber freilich erfüllte jene weder die Künste ihres Mannes noch die Herkunft beider und die Machte des großen Königreiches so mit Stolz – obwohl dies alles ihr gefiel – wie ihre Nachkommenschaft. Und Niobe wäre die glücklichste der Mütter genannt worden, wenn sie sich nicht selbst dafür gehalten hätte. Denn die Tochter des Tiresias, Manto, von göttlicher Eingebung erfasst hatte überall mitten auf den Straßen ahnungsvoll gewarnt: „Ihr Esmeniden, geht zahlreich und gebt der Latona und den beiden Latona geborenen unter frommem Gebet Weihrauch und umkränzt das Haupthaar mit Lorbeer! Latona befiehlt es über mich.“ Man gehorcht und alle Thebanerinnen schmücken ihre Schläfen mit den befohlenen Laukränzen und geben dem heiligen Feuer Weihrauch und Gebete. Da kommt Niobe in Begleitung einer sehr großen Schar von Frauen, prächtig anzuschauen in ihrem golddurchwirkten phrygischen Gewande und schön, soweit der Zorn es zulässt; und als sie mit dem Haupt die lang herabfallenden Haare über beide Schultern bewegte, blieb sie stehen; und wie sie hoch aufgerichtet ihr hochmütigen Augen umherschweifen ließ, sagte sie: „Welcher Wahnsinn, die himmlischen Gottheiten, von denen man gehört hat, denen die man gesehen hat, vorzuziehen! Oder warum wird Latona überall an den Altären verehrt und warum ist meine göttliche Gestalt bisher ohne Weihrauch? Ich habe Tantalus als Vater, dem es als einzigem erlabt war, an den Mahlzeiten der Götter teilzunehmen, eine Schwester der Plejaden ist meine Mutter; der äußerst große Atlas ist mein Großvater, der das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trögt; Jupiter ist mein zweiter Großvater; auch ich rühme mich dessen auch als Schwiegervater. Die Völker in Phrygien haben vor mir Ehrfurcht, die Königsstadt des Cadmus ist unter meiner Herrschaft und die durch Leierspiel meines Ehemannes zusammengefügten Mauern mitsamt der Bevölkerung werden von mir und meinem Mann regiert. Und in welchem Teil des Hauses auch immer ich meine Augen hingewendet habe, die unermesslichen Schätze werden von mir betrachtet. Dazu kommt die einer Göttin würdige Schönheit; hierhin füge sieben Töchter, sowohl ebenso viele Söhne als auch demnächst Schwiegersöhne und Schwiegertöchter hinzu! Fragt nun, welchen Grund mein Hochmut hat; und wagt es die Titanentochter Latona, von irgendeinem Coeus abstammend, mir vorzuziehen! Ehemals verweigerte die große Erde Latona einen einzigen Platz als sie gebären wollte! Weder vom Himmel, noch von der Erde und auch nicht von den Wassern ist eure Göttin aufgenommen worden: sie war auf der ganzen Welt heimatlos, bis die Insel Delos, weil sie mit der umherirrenden Latona Mitleid hatte, sagte: „Du fremde irrst auf der Erde umher und ich irre in den Wellen umher.“ Und sie gab Latona den unsteten Ort. Jene wurde Mutter zweier Kinder: dieses ist ein Siebte meiner Kinder. Ich bin glücklich (wer nämlich verneint dies?) und werde glücklich bleiben (wer wird dies auch bezweifeln?): die Menge meiner Kinder machte mich sicher. Ich bin so groß, als dass mir die Schicksalsgöttin schaden könnte; und mag sie mir auch vieles entreißen, sie wird mir viel mehr zurücklassen. Mein Glück übersteigt schon meine Furcht: Stellt euch vor, dass mir von dem Volk meiner Kinder ein Teil weggenommen werden könnte, ich, die beraubte komme dennoch nicht auf die Zahl der Kinder der Kinderzahl der Latona herunter. Wie wenig unterscheidet sie sich mit dieser von einer Frau, die kinderlos ist? Geht Schluss mit dem Opfern, eilt euch und nehmt den Lorbeerkranz aus dem Haar!“ Sie legen ihn nieder und verlassen die unvollendeten Heiligtümer und was erlabt ist, verehren sie in heimlichem Flüstern an die Gottheit. Die Göttin ist empört und spricht vom höchsten Gipfel des Cynthus solche Worte zu den Zwillingen: „Seht mich an; eure Mutter, die ich stolz darauf bin, euch geboren zu haben und die ich keiner der Göttinnen außer Juno nachstehen werde. Es wird daran gezweifelt, dass ich eine Göttin bin und ich werde durch alle Zeitalter von den geschmückten Altären ferngehalten, außer ihr, oh meine Kinder steht mir bei.

Autor: mummeldichein (Forum)