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Metamorphosen - 03, 407-436

Die Quelle war klar, silbern glänzende Wellen, die weder Hirten noch an Bergen weidende Ziegen oder anderes Vieh verschmutzt hatte, die kein Vogel, noch ein wildes Tier, noch ein von Baum gefallener Ast aufgewühlt hat. Ringsum war Rasen, den die nahe Feuchtigkeit nährte, und der Wald ließ den Ort nicht durch Sonne warm werden. Hier ließ sich der sowohl vom Üben in der Jagd als auch von der Hitze erschöpfte Junge, angelockt vom Antlitz des Ortes und der Quelle, nieder. Und während er sich wünscht den Durst zu stillen, wuchs ein anderer Durst, und während er trinkt, liebt er, hingerissen von Bild der gesehenen Form, ohne Körper die Hoffnung, er glaubt der Körper zu sein, der eine Welle ist. Er staunt sich selbst an und er haftet innerlich bewegt an demselben Gesicht, wie an einer aus Marmor aus Paros geformten Statue. Er beobachtet auf dem Boden liegend das Doppelgestirn, seine Augen und die einem Bacchus und Apoll würdigen Haare, und die jugendliche Wange und den weißen Hals und die Schönheit des Gesichts und das in hellweiß mit strahlendem Weiß gemischte Rot, und er bewundert alles, das selbst er bewundernswert ist. Er wünscht sich selbst ahnungslos und er selbst, der prüft, wird geprüft, und während er bittet, wird er gebeten und gleichzeitig entzündet und brennt er. Wie oft gab er vergeblich der trügerischen Quelle Küsse! Wie oft senkte er die zu fassen suchenden Unterarme zum gesehen Hals in mitten des Wasser hinab, aber er erkannte sich nicht einmal in jenem. Was er sehen müsste, kennt er nicht, aber wen er sieht, wird von jenen verbrannt, und dieselben Augen, die ihn täuschen, reizt ein Irrtum. „Leichtgläubiger, was fängst du vergeblich dein Abbild auf der Flucht? Der, den du begehrst, ist nirgendwo! Der, den du liebst, - wende dich ab! – verdirbst du. Dieses gespiegelte da, das du wahrnimmst, ist der Schatten deines Abbilds. Nichts hat dieses da des seinigen, mit dir kommt es, mit dir bleibt es, mit dir weicht es weg, wenn du wegweichen kannst!“

Autor: reaLism