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Metamorphosen - 01, 262-312 (Die Sintflut)

Sofort sperrt er (=Jupiter) den Nordwind in den Höhlen des Äolus ein
und alle Wolken, welche die herangeführten Wolken verscheuchen,
und schickt den Südwind heraus.Der Südwind fliegt mit feuchten Flügeln heraus,
das schreckliche Antlitz bedeckt mit pechschwarzer Finsternis:
der Bart (ist) schwer von Regenwolken, von den grauen Haaren fließt das Wasser,
auf der Stirn lagern Nebel, die Federn und der Gewandbausch triefen.
Und sobald er mit der Hand die weit herabhängenden Wolken gedrückt hat,
entsteht ein Krachen; hierauf ergießen sich dichte Regengüsse vom Äther.
Iris, die Botin der Juno, in bunte Farben gekleidet,
nimmt das Wasser auf und trägt den Wolken Nahrung zu.
Die Saaten werden niedergestreckt und die beweinten Hoffnungen des Bauern
liegen darnieder und die vergebliche Arbeit eines langen Jahres geht zugrunde.

Und nicht ist der Zorn Jupiters mit seinem Himmel zufrieden, sondern jenen
unterstützt der blaue Bruder mit hilfreichen Wellen.
Dieser ruft die Ströme zusammen. Nachdem diese das Haus ihres Herrschers
betreten haben, sagt er :„ Jetzt muss man keine lange Ermunterung
gebrauchen. Ergießt eure Kräfte:
so ist es nötig! Öffnet die Häuser und nach Entfernung des Dammes
lasst euren Flüssen alle Zügel schießen!"
Er hatte befohlen; diese kehren zurück und erweitern den Quellen die Öffnungen
und wälzen sich in ungezügeltem Lauf in die Meere.
Er selbst erschütterte mit seinem Dreizack die Erde: aber jene
erbebte und öffnete durch die Erschütterung die Wege der Gewässer.
Die über die Ufer getretenen Flüsse stürzen über die offenen Felder
und reißen mit den Saaten zugleich die Baumpflanzung und die Tiere und Männer
und Häuser und die Hauskapellen mit ihren Heiligtümern fort.
Wenn irgendein Haus stehen blieb und dem so großen Unheil widerstehen konnte
ohne einzustürzen, bedeckt dennoch eine höhere Welle dessen Giebel,
und die versunkenen Türme sind unter dem Strudel verborgen.
Und schon hatten das Meer und die Erde keinen Unterschied mehr:
alles war Meer; auch die Küsten fehlten dem Meer.

Dieser besetzt einen Hügel, ein anderer sitzt in einem gekrümmten Kahn
und führt die Ruder dort, wo er neulich gepflügt hatte.
Jener fährt über die Saatfelder oder den Giebel des versunkenen Landhauses,
dieser fängt im Wipfel einer Ulme einen Fisch.
Der Anker wird in einer grünen Wiese befestigt, wenn es der Zufall mit sich brachte,
oder die gekrümmten Schiffskiele streifen die darunterliegenden Weingärten;
und, wo vor kurzem zierliche Ziegen Gras rupften,
dort lagern jetzt unförmige Seehunde ihre Körper.
Die Nereiden bewundern unter dem Wasser die Wälder und Städte und Häuser,
und Delphine bewohnen die Wälder und
stoßen an die hohen Äste und schlagen die erschütterten Eichen.
Der Wolf schwimmt zwischen den Schafen, die Welle trägt rotgelbe Löwen,
die Welle trägt Tiger, weder nützen die Blitzeskräfte dem Eber
noch die schnellen Beine dem fortgerissenen Hirsch;
und nachdem er lange Land gesucht hat, wo er sich niederlassen könne,ermatteten
fällt der umherschweifende Vogel mit Flügeln ins Meer herunter.
Die unermessliche Zügellosigkeit des Meeres hatte die Hügel bedeckt
und die neuen Fluten peitschten die Berggipfel.
Der größte Teil wird von der Welle fortgerissen; welche die Welle verschonte,
jene bezwingt der lange Hunger durch die mangelnde Nahrung.

Autor: **MegaStarkan**