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Metamorphosen - 01, 253-290 (Die Sintflut)


Schon war er [= Jupiter] im Begriff Blitze über alle Länder auszustreuen, aber er fürchtete, dass der heilige Himmel von so vielen Blitzen vielleicht (255) Feuer fangen und die lange Himmelsachse entbrennen könnte. Auch rief er sich ins Gedächtnis zurück, dass es bestimmt sei, dass die Zeit kommen wird, in der das Meer, (in der) die Erde und (in der) die hingeraffte Himmelsburg entbrennen und der Bau der Erde [= Weltgebäude] in schwerer Bedrängnis sein wird. Die Waffen, gefertigt von Cyclopenhand, werden beiseite gelegt. (260) Er beschließt die entgegengesetzte Strafe: das menschliche Geschlecht unter Wassern zu vernichten und vom ganzen Himmel Regengüsse herabzuschicken. Sofort schließt er den Nordwind in den aeolischen Höhlen ein und alle Winde, welche die aufgezogenen Wolken vertreiben, und er lässt den Südwind frei. Notus [= Südwind] fliegt auf nassen Schwingen heraus, (265) das Schrecken erregende Antlitz verhüllt in pechenden Nebelschwaden: der Bart ist schwer von Regen, Wasser fließt von dem grauen Haar, um die Stirn legen sich Nebel, Tau tropft von den Federn und vom Gewand. Sobald er mit der Hand die breit herabhängenden Wolken gepresst hatte, entsteht ein Krachen: dann strömen vom Himmel ununterbrochene Regengüsse. (270) Iris, die Botin der Juno, mit bunten Farben bekleidet, nimmt Wasser auf und schafft den Wolken Nahrung herbei: Die Saaten sind niedergedrückt, die als verloren beweinten Wünsche der Bauern liegen danieder und die vergebliche Mühe eines langen Jahres geht verloren. Und Jupiters Zorn ist nicht mit seinem Himmel zufrieden, sondern (275) der meerblaue Bruder unterstützt jenen mit helfenden Wellen. Dieser ruft die Ströme zusammen. Nachdem sie das Haus ihres Herrschers betreten hatten, sprach er: Lange Ermunterung darf man nun nicht gebrauchen. Lasst euren Kräften freien Lauf. So muss es sein. Öffnet die Häuser und wenn der Damm entfernt worden ist, (280) lasst euren Flüssen sämtliche Zügel schießen. So hatte er es befohlen. Diese kehrten zurück, öffneten den Quellen die Mündungen und wälzten sich im zügellosen Lauf zum Meer. Er selbst hat mit seinem Dreizack die Erde erschüttert, jene erzitterte und öffnete durch die Bewegung den Wassern [neue] Bahnen. (285) Die Flüsse, die aus den Ufern getreten sind, strömen durch die offenen Felder und reißen zugleich mit den Saaten die Sträucher, das Vieh, die Menschen und [ihre] Häuser und mit ihnen die heimischen Heiligtümer fort. Wenn irgend ein Haus [erhalten] blieb und von so großem Unheil nicht niedergeworfen stehen bleiben konnte, bedeckte das höher (290) [stehende] Wasser das Dach und die Türme, die bedeckt worden sind, sind unter dem tiefen Wasser verborgen.

Übersetzerin: Luna