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Heroides - 16 (Paris Helenae, 51-375)

Meine Schönheit und meine Gesiteskraft, obwohl ich doch aus dem niederen Volk zu sein schien, waren ein Hinweis auf meinen verborgenen Adel. Es gibt einen Platz mitten in den waldreichen Tälern des Ida, abgelgen und dicht bestanden mit Kiefern und Eichen, den weder das friedliche Schaf noch die felsenliebende Ziege noch das breitmäulige, träge Rind abweidet. Von hier aus betrachte ich, an einen Baum gelehnt, Daraniens Mauern, hohe Dächer und das Meer. Siehe! Da schien mir von stampfenden Füßen der Boden zu beben- ich spreche die Wahrheit, obwohl sie kaum Glauben finden wird-, Halt machte vor meinen Augen, getrieben von schnellen Flügeln, der Enkel des großen Atlas und der Pleione – es war mir erlaubt, ihn zu sehen, dann soll mir auch erlaubt sein, zu erzählen, was ich sah-, und die Finger des Gottes hielten einen goldenen Stab; zugleich setzten drei Göttinnen , Venus und mit Pallas auch Iuno , ihre zarten Füße aufs Gras. Ich erstarrte, und meine Haare sträubten sich in kaltem Schrecken, als mir der geflügelte Bote sagte: „Fürchte dich nicht! Du bist Schiedsrichter über die Schönheit; beende den Streit der Göttinen ; entscheide, welche Göttin die anderen an Schönheit übertrifft!“ Und damit ich den Auftrag nicht zurückweiste, befahl er im Namen des Iuppiter und erhob sich gleich anschließend durch den Aether empor zu den Sternen.

Mein Mut kehrte zurück, plötzlich wurde ich kühn und ich scheute mich nicht, jede genau anzuschauen . Alle waren würdig zu siegen, und als Richter bedauerte ich, dass nicht alle zugleich zu ihrem Recht kommen konnten. Aber trotzdem gefiel mir von ihnen eine schon damals mehr als die anderen, und damit du es weißt, es ist die, von der die Liebe ausgeht. Und ihr Wunsch zu siegen war stark; sie brannte vor Eifer; mein Urteil mit Geschenken zu beeinflussen. Die Gattin des Iuppiters bot Macht, ihre Tochter kriegerischen Ruhm; ich für meinen Teil war unsicher, ob ich mächtig oder mannhaft sein wollte. Venus lächelte süß: „Und lass dich nicht, Paris, durch Geschenke verführen, von denen jedes gefüllt ist mit ungwisser Furcht! Ich werde dir etwas zum Liebhaben schenken, und jene noch schönere Tochter der schönen Leda wird dir in die Arme sinken!“ Sie sprach es, und mit ihrem Geschenk und in ihrer Schönheit gleichermaßen anerkannt, nahm sie ihren Weg als Siegerin zum Himmel zurück.

Inzwischen – ich nehme an , weil sich mein Schicksal zum Guten gewendet hatte- erkannte man an sicheren Zeichen, dass ich ein Knabe von königlichem Geblüt bin. Das Haus freute sich, weil nach langer Zeit der Sohn der wieder aufgenommen wurde, und Troia fügte auch diesen Tag zu seinen Festen . Und wie ich dich begehrte, so begehrten mich die Mädchen; du kannst das allein besitzen, was sich viele Mädchen wünschen; du kannst das allein besizen , was sich viele Mädchen wünschen. Und nicht allein die Töchter von Königen und Fürsten verlangten nach mir, sondern auch Nymphen sorgten sich um mich und liebten mich. Welche Schönheit hätte ich mehr bewundern sollen als die der Oenone? Nach dir gibt es auf dem Erdkreis keine würdigere Schwiegertochter des Priam als sie. Aber alle anderen öden mich an, seit ich die Hoffnung auf eine Heirat mit dir, Tyndaris, habe. Meine Augen sahen dich bei tag, in der Fantasie sah ich dich in der Nacht, wenn meine Augen besiegt von friedlichem Schlaf Schlummer lagen. Was wirst du bewirken, wenn du, die du mir gefielst, als ich dich noch nicht gesehen hatte, leibhaftig vor mir stehst ich glühte; obgleich dieses Feuer fern von hier war, und ich konnte mir nicht länger die Hoffnung unerfüllt lassen, auf dem blauen Meer meinen Wünschen nachzujagen.

Die troischen Pinienwälder fielen unter der phrygischen Axt und jeder Baum, der auch immer nützlich war für die Fluten des Meeres; die steilen Höhen von Gargara wurden ihrere schlanken Bäume beraubt, und der sich weit erstreckende Ida gab mir unzählige Balken. Das harte Eichenholz wurde gebogen, um die schnellen Schiffe mit Planken zu versehen , und der gebogene Kiel mit seinen Spanten angefertigt . Wir fügten die Rahen hinzu und die am Mast hängenden Segel ; das gekrümmte Hinterdeck bekam auch die bunt bemalten Götter; auf dem Schiff, mit dem ich selbst fahre, steht die gemalte Göttin, begelitet vom kleinen Cupido, als Schutzherrin deiner Ehe mit mir. Nachdem letzte Hand an die fertig gebaute Follte gelegt worden war, wollte ich sofort hinaus aufs aegaeische Meer fahren- aber Vater und Mutter hinderten mich mit ihren Bitten an er Erfüllung meiner Wünsche und sie zögerten mit frommer Rede die Reise, die ich mir vorgenommen hatte, hinaus; und Cassandra, Die Schwester, mit aufgelösten Haaren, wie sie war, rie, wals unsere Schiffe, schon die Segel setzen wollte: „Wohin stürmst du? Du wirst verderben mit dir zurückbringen! Du weißt nicht, welches feuer du durch dieses Wasser hindurch ansteuerst!“ Die Seherin sprach die Wahrheit; ich fand besagtes Feuerm und wilde Liebseglut brennt in sanfter Brust!

Ich verließ den Hafen, und unter Ausnützung günstiger Winde landete ich in deinem Land, oebalische Nymphe. Dein Mann nahm mich gastfreundlich aud- auch diese Tatsache war nur möglich ducr den Ratschluss und den Willen der Götter! Er zeigte mir, was immer im ganzen Lacedaemon an Sehenswertem und Auffalendem war. Da ich aber begierig war, deine gepriesen Schönheit zu betrachten , gab es nichts anders, was meine Augen gefangen nahm. Als ich deine Gestalt erblickte, war ich betäubt und spürte, wie vom Schlag getroffen, wie die Brust anschwoll mit nie gefühlter Liebesqual: Diese Antlitz hatte Ähnlichkeit mit der Göttin von Cythera, wenn ich mich richtig erinnere, als sie zu meinem Urteil kam. Wenn du ebenso zu jenem Wettstreit gekommen wärst, dann wäre es zweifelhaft gewesen, ob Venus die Siegestrophäe davongetragen hätte. Großartig hat dich das Gerücht gepriesen, keinem Land ist deine Schönheit unbekannt. Unter den wohlgestalten Frauen hat keine einen solchen Ruf, ob in Phrygien oder im Orient!

Doch das glaube mir nur! Das Bild, das man von dir hat, verblasst gegenüber der wahren Gestalt, dasGerede von deiner Schönheit ist dir geradezu abträglich. Ich habe hier mehr gefunden, als Venus mir versprochen hatte, und die Kunde von deiner Schönheit wird von der Wirklichkeit noch übertroffen. Zwangsläufig entbrannte Theseus, der deine ganze Schönheit sahe, in Liebe, und du warst einem solchen Helden wert, geraubt zu werden , als du nach eurer Sitte nackt in der glänzenden Palaestra, als Frau unter die nackten Männer gemischt, an sportlichen Spielen teilnahmst. Ich lobe ihn , dass er dich raubte. Aber ich wundere mich, dass er dich je zurückgab; an solch herrlicher Beute hätte man beharrlich festhalten müssen. Eher wäre dies Haupt vom blutigen Hals getrennt worden, als dass ich dich aus meinem Schlafgemach hätte wegholen lasse. Würden meine Händen dich je loslassen wollen? Würde ich, solange ich lebe ,dich aus meiner Umarmung gehen lassen? Wenn ich dich hätte wirklich zurückgeben müssen, dann hätte ich vorher dennoch mir etwas genommen, und meine Liebe wäre nicht gänzlich untätig gewesen. entweder du hättest mir deine Jungfräulichkeit geopfert, oder ich hätte irgendetwas geraubt, wenn schon die Jungfräulichkeit hätte bewahrt werden müssen. Gib dich nur mir hin, und du wurst sehen, wie treu Paris ist; nur die Flamme des Scheiterhaufens wird meine Liebesglut enden. Ich habe dich den Königreichen vorgezogen, die mir damals die Schwester und Gattin des Iuppiters versprochen hat; wenn ich nur meine Arme um deinen Hals schlingen kann, ist mir die Tugend, die Pallas verleiht, gleichgültig. Es reut mich nicht, noch werde ich jemals glauben, töricht gewählt zu haben, ich bleibe fest bei meiner Entscheidung. Ich bitte dich nur, lass es nicht zu, dass meine Hoffnung zunichte wird, die du wert bist, mit solcher Mühe begehrt zu werden! Nicht als Unwürdiger begehre ich die Ehe mit einer Hochgeborenen; du wirst, glaube mir, auch nicht Schimpf meine Gattin. Die Pleiaden wirst du, wenn du duschst, und Iuppiter bei meinen Ahnen finden, ganz zu schweigen von den gewöhnlichen Vorfahren. Mein Vater beherrscht das wohlhabendste Königreich Asiens, ein Gebiet, so groß, dass man es kaum durchwandern kann. Du wirst unzählige Städte und goldene Paläste sehen. Von Tempeln wirst du sagen, dass sie wahrhaft der Götter würdig sind. IlIOn wirst du erblicken und die mit hohen Türmen bewehrten Mauern, erbautbeim Klang der phoebischen Leier, Was soll ich dir erzählen von der Unzahl der Menschen? Kaum trägt unser Land ein solch großes Volk. In dichtem Gedränge werden dir die troischen Mütter entgegeneilen, die Schar der phrygischen Schwägerinnen wird kaum unsere Halle fassen. Wie oft wirst du dir sagen: „ Wie ärmlich ist doch unser Achaia!“ Ein beliebiges Haus wird Schätze einer ganzen Stadt bergen. Es soll nicht meine Bestimmung sein, euer Sparta zu verachten; das Land, in dem du geboren bist, ist schon eben dürftig; du aber bist des größten Luxus wert; dieser Platz hier nichts für eine solche Schönheit. Diesem Antliz kommt es zu, ohne Unterlass über verschwenderische Pracht zu verfügen und in immer neuem und raffinierterem Luxus zu schweigen. Da du schon auf den Lebensstil der Männer unseres Stammes schaust, was für einen , glaubst du, haben erst die troischen Schwiegertöchter? Gib dich unbedenklich hin, Mädchen aus Therapne, und verschmähe nicht einen phrygischen Gatten! Ein Phryger und von unserem, Blut war der, der nun den Göttern Nektar mit Wasser mischt und zum Tranke reicht. Ein Phryger war der Gemahl der Morgenröte, und doch entführte ihn die Göttin, die die Reise der Nacht beendet. Ein Phryger war auch Anchises, mit dem die Mutter der ge¬flügelten Eroterr" auf den Gipfeln des Ida genüsslich das Beilager hielt. [205] Und wenn du als Schiedsrichterin Mene¬laus und mich vergleichst an Gestalt und Alter, wird er, glaube ich, mir nicht vorgezogen werden können. Jedenfalls werde ich dir ganz sicher keinen Schwiegervater zumuten, der die hellen Strahlen der Sonne verjagt" und die scheuen¬den Pferde weg vom Festmahl treibt. Priamus hat keinen Vater, der vom Blut des Schwiegervaters besudelt ist, [210] der die rnyrtoischen Fluten mit seinem Verbrechen markiert'". Und mein Ahnherr greift nicht nach Äpfeln in den Wellen des Styx und sucht nicht inmitten der Fluten nach trinkbarer Flüssigkeit Gleichwohl, was macht es schon aus, wenn ein Spross von jenem Stamme dich besitzt, einem Fürstenhaus, dem luppiter zwangsweise Schwiegervater geworden ist. [215] Welch eine Schande! Unwürdig ist er, aber besitzt dich die ganzen Nächte hindurch und schwelgt in deiner Umar¬mung. Aber von mir wirst du angestarrt, kaum dass der Tisch gedeckt ist. Und diese Zeit hält auch viele Leiden für mich bereit. Solche Gelage mögen meinen Feinden wider¬fahren, wie ich sie erleide, [220] sobald der Wein aufgetischt . Es reut mich die gastfreundliche Aufnahme, wenn ich sehe, wie dieser ungehobelte Bauer seine Arme um deinen Nacken legt. Und ich platze schier vor Eifersucht - wozu erzähle ich dir das alles -, wenn er deine Glieder mit seinem Kittel wärmt. [225] Aber als ihr euch ganz offen zärtliche Küsse gabt, habe ich den Becher ergriffen und vor meine Augen gehalten. Die Augen schlage ich nieder, wenn er dich zu eng umschlingt, und auch das leichte Mahl wächst mir im appetitlosen Mund. Oft habe ich gestöhnt; und du, du Lose, hast dir ich habe es deutlich bemerkt - [230] dein La¬chen bei meinem Stöhnen nicht verkniffen. Oft wollte ich die Liebesglut im Wein ersäufen; aber sie wuchs trotzdem, und der Rausch fachte das Feuer noch an. Damit ich nichts mehr sehe, lehne ich mich abgewendet zurück; du aber ziehst meine Augen sofort wieder magisch an. [235] Was soll ich nur machen? Ich bin ratlos. Es ist schmerzlich, all dies zu sehen, aber noch schmerzlicher, von deinem Antlitz fern zu sein. Soweit es mir nur möglich ist, versuche ich gewaltsam meine Gefühle zu verbergen; aber dennoch verrät sich selbst verborgene und geleugnete Liebe. Ich sage dir zwar nichts; aber du bemerkst meine Wunden, du bemerkst sie! [240] Ach, blieben sie nur für dich allein sichtbar! Oh, wie oft habe ich das Gesicht abgewendet, wenn die Tränen hervorbrachen, damit dein Mann mich nicht fragte, warum ich denn weine! Oh, wie oft habe ich im Rausch von irgendeinem Liebhaber erzählt, jedes Wort war aber auf meine Liebeswunde bezogen! [245] Und ich habe Andeutungen gemacht, dass ich eigentlich hinter dem erfun¬denen Namen stecke. Wenn du es noch nicht weißt, ich war jener Liebhaber, von dem ich erzählte. Ich habe mich sogar oftmals betrunken gestellt, damit ich kecker und anzüg¬licher reden konnte. Ich erinnere mich, dass einmal deine Brüste hervorlugten, als dir das Gewand herabgerutscht war, [250] und sich mei¬nem Blick nackt darboten - Brüste, weißer als reiner Schnee oder Milch" oder Iuppiter selbst, als er deine Mutter um¬arrnte". Während ich erstarrt an diesem Anblick hing, rutschte der gewundene Henkel des Bechers, den ich zufäl¬lig in der Hand hielt, aus meinen Fingern. [255] Wenn du deiner Tochter Küsschen gegeben hattest, habe ich mir diese sofort freudig von Herrniones" Lippen geholt. Bald lag ich zurückgelehnt und sang von alten Liebesgeschichten, bald gab ich mit Gesten verstohlene Zeichen. Deine besten Freundinnen, Clymene und Aethra", [260] habe ich neulich gewagt mit süßen Worten anzusprechen. Die ließen mich mitten bei meinem Bittgesuch stehen und sprachen von nichts anderem, als dass sie Angst hätten. Oh, würden doch die Götter es fügen, dass du der Preis in einem großen Wettkampf wärest, dass der Sieger dich in seinem Bette hätte! [265] Wie Hippomenes die Tochter des Schoeneus als Siegespreis im Wettlauf45 davontrug, wie Hip¬podamia in die Umarmung eines Phrygers" kam, wie der wilde Alcide" die Hörner des Achelous abbrach, als er deine Umarmung erstrebte, Deianira". Meine Kühnheit hätte mutig unter diesen Bedingungen ihren Weg gemacht, [270] und du wüsstest, dass du das Ergebnis meiner An¬strengung bist. Nun bleibt mir nichts, als dich, du Schöne, anzuflehen und deine Füße zu umarmen, falls du das zu¬lässt. Du Zierde, 0 du leibhaftiger Ruhm deiner Zwillings¬brüder", die du Iuppiter als Mann verdient hättest, wenn du nicht Iuppiters Tochter wärest, [275] entweder segle ich mit dir als Gattin zurück zum sigeischen Hafen'? oder mich be¬deckt im Exil die taenarische Erde51! Meine Brust ist von der Pfeilspitze nicht nur leicht geritzt; meine Wunde reicht herunter bis auf die Knochen! Das - denn ich wiederhole es - würde mir geschehen, dass ich von einem göttlichen Pfeil getroffen würde, [280] hatte mir meine die Wahrheit sprechende Schwester" prophezeit. Hüte dich, Helena, eine vom Schicksal verhängte Liebe zu missachten _ so magst du die Götter deinen Wünschen gewogen finden! Vieles freilich kommt mir noch in den Sinn; aber damit wir alles Weitere unter vier Augen besprechen, nimm mich im Schweigen der Nacht in dein Bett auf. [285] Oder schämst du dich und fürchtest du dich, die eheliche Liebe zu entwei¬hen, die keuschen Rechte des rechtmäßigen Ehebetts zu brechen? Ach, du allzu naive Helena, um nicht zu sagen, du einfältige, glaubst du denn, dass so ein Gesicht unschuldig bleiben kann? Du musst entweder dein Gesicht ändern oder nicht mehr so hart sein; [290] die Schönheit liegt mit der Keuschheir.in schwerem Streit. Iuppiter freut sich, es freut sich die goldene Venus über solche heimlichen Betrügereien; solche heimlichen Betrügereien nämlich haben dir den Iup¬piter zum Vater geschenkt. Wenn Charaktermerkmale im Samen stecken sollten, kann die Tochter Iuppiters und Le¬das schwerlich keusch sein. [295] Doch sollst du keusch sein, wenn dich mein Troia beherbergen wird, ich allein möchte dann bitte Anlass für Vorwürfe gegen dich sein. Nun lass uns gegen das sündigen, was die Stunde der Hochzeit dann wieder in Ordnung bringen wird, sofern mir Venus wenigs¬tens keine leeren Versprechungen gemacht hat! Dein Ehemann selbst rät dir dazu, zwar nicht mit Wor¬ten, aber mit Taten, [300] und damit er den heimlichen Be¬trügereien seines Gastes nicht im Wege steht, ist er abwes¬end. Er fand keinen passenderen Zeitpunkt, die cretischen Reiche zu besichtigen53 - 0 wunderbare Klugheit der Män¬ner! Bei der Abreise sagte er: »Ich trage dir unsere Angelegenheiten auf, und dass du dich, liebe Frau, statt meiner um unseren Gast vom Ida kümmerst.« [305] Du missachtest, ich schwör's, die Aufträge deines abwesenden Ehemannes! Du kümmerst dich überhaupt nicht um deinen Gast. Glaubst u, dass der, ein Kerl ohne Herz, die Gaben deiner Schönheit, Tochter des Tyndareus", einigermaßen schätzen kann? Da täuschst du dich - er kann's nicht; und wenn er die Güter, [310] die er besitzt, hochschätzen würde, dann würde er sie nicht einem Ausländer anvertrauen. Gesetzt den Fall, dass dich weder meine Worte noch meine Glut erregen, wir werden geradezu gezwungen, seine Zuvorkommendheit zu nutzen - oder wir sind so dumm, dass wir sogar noch ihn an Dummheit schlagen, wenn eine so gefahrlose Gelegenheit ungenutzt vorübergeht. [315] Fast eigenhändig hat er mich als Liebhaber dir zugeführt; nutze doch die Einfalt deines Mannes, der es dir förmlich befiehlt! Einsam liegst du in der so endlosen Nacht auf dem ver¬waisten Lager; und einsam auf verwaistem Bett liege auch eh. Dich sollen mir und mich sollen dir gemeinsame Freuden verbinden; [320] heller als der Mittag wird diese Nacht sein. Dann werde ich schwören bei allem, was dir heilig ist, und werde mich mit meinen Worten auf eure Heiligtümer verpflichten; dann werde ich es, wenn mein Selbstvertrauen mich nicht trügt, auf der Stelle fertig brin¬gen, dass du in mein Reich willst. [325] Wenn du aber Scham empfindest und dich davor fürchtest, dass es so aussieht, als ob du mir folgtest, ich selbst werde dieses Verbrechens angeklagt werden, ohne dich, denn ich werde die Tat des Aegiden" und deiner Brüder" nachahmen. Du Kannst durch kein Beispiel berührt werden, das dir näher wäre. Dich raubte Theseus, jene raubten die Zwillings¬töchter des Leucippus; [330] ich werde in der Reihe der Beispiele als Vierter rangieren. Die troianische Flotte ist da, ausgestattet mit Waffen und Männern; bald werden Ruder und Wind für schnelle Fahrt sorgen. Du wirst als gewaltige Königin durch die dardanischen Städte ziehen, und das Volk wird glauben, dass in dir eine neue Göttin herabgekommen ist, [335] und wohin du deine Schritte wenden wirst, werden die Flammen von Zimtrinde duften, und das gefällte Opfertier wird auf den blutigen Boden schlag¬en. Der Vater und die Brüder und zusammen mit der Mut¬er die Schwestern und alle Ilierinnerr" und ganz Troia wer¬den dich beschenken. Leider kann ich nur wenig von dem, was geschehen wird, dir sagen. [340] Du wirst mehr bekom¬men, als mein Brief dir mitteilt. Und fürchte du nicht, wenn du entführt worden bist, dass uns furchtbare Kriege bedrängen werden und dass das mächtige Griechenland seine Kräfte gegen uns sammelt. Ist irgend eine von so vielen, die früher entführt wurden, mit Waffen zurückgefordert worden? Glaube mir, diese Furcht hat keinen realen Hintergrund. [345] Im Namen des Aquilo'" fingen die Thracer die Tochter des Erechtheus, und die bistonische Küste" war sicher vor Krieg. Iason aus Pasae'" brachte auf neuem Schiff die Frau aus Colchis weg, und das thessalische Land wurde nicht von colchischer Hand verwüstet. Theseus'", der auch dich raubte, raubte die Tochter des Minos'"; [350] trotzdem rief Minos keineswegs die Creter zu den Waffen. Bei diesen Dingen pflegt der Schrecken größer zu sein als die Gefahr selbst, man schämt sich, alles gefürchtet zu haben, was man überhaupt fürchten konnte. Bilde dir trotzdem ein, wenn du willst, dass sich ein un¬geheurer Krieg erhebt - auch ich habe Kraft, auch meine Waffen sind gefährlich. [355] Und nicht weniger Hilfsmittel bat Asien als euer Land; mein Land ist reich an Männern und überreich an Pferden. Und der Atride'" Menelaus wird nicht mehr Mut als Paris haben oder im Kampf höher ein¬geschätzt werden dürfen. Beinahe noch Knabe, habe ich Feinde geschlagen und gestohlene Herden zurückgewon¬nen, [360] und von dort habe ich den Anspruch auf meinen Namen'" gewonnen; beinahe noch Knabe, habe ich in ver¬schiedenen Wettkämpfen junge Mariner besiegt, unter denen Ilioneus und Deiphobus" waren; und damit du nicht denkst, dass ich nur im Handgemenge zu fürchten bin, mein Pfeil trifft an jeder bezeichneten Stelle". [365] Kannst du etwa ihm solche Taten aus seiner Jugend zuschreiben? Kannst du etwa den Atriden mit meiner Kunstfertigkeit ausstatten? Wenn du ihm alles gibst, kannst du ihm auch einen Hector'" zum Bruder geben? Dieser eine steht für unnzählige Soldaten! Du weißt nicht, was ich vermag, und du täuschst dich über meine Kraft; [370] du ahnst nicht, welchem Mann du als Braut bestimmt bist. Entweder also wirst du ohne kriegerische Verwicklung zurückgefordert, oder die dorischen" Lager werden meinem Kriegsglück weichen. Und dennoch würde ich es nicht . für empörend halten, für eine solche Gattin zum Schwert zu greifen. Große Preise fordern zum Kampf heraus. [375] Und u wirst, wenn der ganze Erdkreis um dich kämpft, für alle Zukunft auch Ruhm erwerben, wenn du nur furchtlos und voll Hoffnung von hier weggehst, denn die Götter sind uns günstig gesinnt; vollende in vollem Vertrauen, was ab gemacht ist!

Autor: Anja.B.