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Heroides - 15, 01-34 (Sappho an Phaon)


Und was, als ein Buchstabe der fleißigen Hand erblickt worden ist,
ist auch sogleich von deinen Augen meine Schrift erkannt worden,
oder wüsstest du nicht, wenn du nicht den Namen der Verfasserin: Sappho gelesen hättest,
woher dieses kleine Werk auf den Weg geschickt wird?
Vielleicht fragst du auch, weshalb mein Gedicht im wechselen Versmaß ist, obwohl ich doch eher fürs lyrische Versmaß geeignet bin.
Meine Liebe muss beklagt werden: ein weinerliches Lied der Klage, Nicht irgendeine Leier passt nicht zu meinen Tränen.
Ich brenne, wie der fruchtbare Acker, wenn die Ernte entbrannt ist, und wenn der Südwind ungebändigt das Feuer schürt.
Weitentfernte typhoische Gefilde des Aetnas, Phaon, besuchst du.
Mich hält eine Glut, nicht kleiner als das Feuer des Ätnas.
Und nicht mir kommen, die ich mit gestimmten Saiten Lieder dichten will – notwendig ist ein freies Gemüt für Lieder, und keine Mädchen von Phyrra und
Methymnia, auch nicht die ganze Schar von Lesbierinnen hilft mir.
Nichtsnutzig Anactorie, nichtsnutzig mir die weiße Cydro.
Und nicht wie vorher ist meinen Augen Atthis willkommen und die hundert anderen, die ich nicht ohne Vorwurf liebte.
Schändlicher, du hast als einziger das, was vorher viele hatten.
In dir ist eine Schönheit, du hast ein Alter, geeignet für Spiele . oh die Schönheit ist hinterhältig für meine Augen!
Nimm Leier und den Köcher – du wirst zweifelsohne Apoll.
Deinem Kopf mögen Hörner wachsen – du wirst Bacchus.
Phoebus liebte Daphnis, und die Knossische liebte Bacchus und weder jene noch die andere kannte die lyrischen Weisen.
Aber mir diktieren die Pegasischen Freundinnen schmeichelnde Lieder.
Schon wird auf der ganzen Welt mein Name genannt.
Und Alcaeus, mit dem ich Heimat und Leier verbinden, hat nicht merh Lob, auch wenn er erhabener singt.
Wenn mir die beschwerliche Natur keine Schönheit zugestanden hat, wäge ab mit der Begabung die Frevel meines Aussehens.
Ich bin zwar klein, aber ich habe einen Name, der alle Länder anfüllt. Ich trage selbst das Maß des Namens.

Autor: jauchi