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Ab Urbe Condita - Buch 01, 56


Als er beabsichtigte den Tempel fertigzustellen, wozu er Arbeiter aus allen Teilen Etruriens herbei geholt hatte, verwendete er dazu nicht nur öffentliche Gelder, sondern auch die Hilfe aus dem Volk. Obwohl sogar diese nicht gerade geringe Hilfe des Militärs hinzukam, fühlte sich das Volk dennoch weniger beschwert die Tempel der Götter mit ihren Händen fertig zu stellen, wie nachdem sie auch zu anderen Arbeiten, die zwar von geringerem Anschein, aber irgendwann einmal von größerer Mühe sind, versetzt wurden, nämlich Foren in einem Kreis anzufertigen und eine sehr große Kanalisation, eine Sammelstelle für den ganzen Schnutz der Stadt, unter der Erde zu bauen; diesen beiden Bauwerken konnte dieser neue Prunk kaum in etwas gleichkommen. Nachdem da Volk bei diesen Arbeiten fertig war, schickte er, weil er zum einem glaubte, dass die Menge für die Stadt eine Belastung ist, und zum anderen weil er sein Herschaftsgebiet, indem er Siedler enstendet, ausweiten wollte, Kolonisten nach Segni und zu den Circeii, und zwar als zukünftigen Schutz für die Stadt zu land und zu Wasser.

Während er dies machte, tauchte ein schreckliches Vorzeichen auf: Als eine Schlange, die aus einer hölzernen Säule hervorkroch, Schrecken verbreitet und für eine Flucht in den Königspalast gesorgt hatte, erschütterte sie den König selbst nicht so plötzlich mit Entsetzen als sie ihn vielmehr mit beängstigenden Sorgen erfüllte. Weil die Etrusker die Seher zu dem öffentlichen Vorzeichen hinzuzogen, beschloss er, wie wenn er sich durch diese häusliche Erscheinung heftig erschrocken hätte, sie nach Delphi zum berühmtesten Orakel auf Erden zu schicken. Und er wagte es nicht die Antworten des Orakel irgendeinem Fremden anzuvertrauen und er schickte zwei Söhne durch zu dieser Zeit unbekannte Länder und über noch unbekanntere Meere nach Griechenland.
Titus und Arruns brachen auf; L. Iunius Brutus, der zu diesen als Begleiter hinzustieß, war der Sohn von Tarquinia, der Schwester des Königs, und er war von ganz anderer Art als er vorgegeben hatte. Nachdem dieser gehört hatte, dass die Adeligen des Staates, unter denen sein Bruder war, von seinem Onkel getötet worden waren, stellte er fest, dass er in seiner Person dem König weder etwas fürchtenswertes noch in seinem Glück etwas wünschenswertes zurückließ und dass er durch seine verächtliche Erscheinung dort geschützt ist, wo im Recht zu wenig Schutz wäre. Also stellte er sich absichtlich dumm, weil er zuließ, dass er und das Seine Beute für den König waren, und er lehnte auch den Beinamen „Brutus“ nicht ab, damit ein verborgender Geist als berühmter Befreier des römischen Volkes unter dem Schutz dieses Beinamens auf seine Zeit wartete. Es wird gesagt, dass dieser, der von den Tarquiniern nach Delphi geführt worden war und mehr ein Spielzeug als ein Begleiter war, dem Apollon einen goldenen Stab als Geschenk mitgebracht hat, der dazu in einem ausgehöhlten Stock aus Horn versteckt war, symbolisch als Bild für seine Begabung. Nachdem er dorthin gekommen war, überkam die jungen Männer, als sie die Aufträge des Vaters ausgeführt hatten, der Wunsch wissen zu wollen, zu wem von ihnen die römische Herrschaft kommen wird. Man sagt, dass eine Stimme aus einer sehr tiefen Höhle antwortete: „Derjenige, der als erster von euch, oh junge Männer, der Mutter einen Kuss gibt, wird die oberste Herrschaft in Rom innehaben. Die Tarquinier befehlen, dass die Angelegenheit mit aller Macht verschwiegen wird, damit Sextus, der in Rom zurückgelassen wurde, von der Antwort unkundig und ohne Anteil an der Herrschaft war; sie selbst überlassen es untereinander dem Los, welcher von beiden der Mutter früher einen Kuss gab, nachdem er aus Rom zurückgekehrt war. Brutus, der das Wort der Pythia anders beurteilte, berührte, wie wenn er hingefallen wäre, die Erde mit einem Kuss, weil diese natürlich die gemeinsame Mutter aller Menschen war. Dann kehrte er nach Rom zurück, wo mit höchster Kraft ein Krieg gegen die Rutuler vorbereitet wurde.

Autor: pseudoirrealis