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Ab Urbe Condita - Buch 01, 04

Aber der Ursprung einer so großen Stadt und der Anfang der größten Herrschaft mit der Macht der Götter ist, wie ich glaube, dem Schicksal zu verdanken. Nachdem die Vestalin, dadurch, dass sie vergewaltigt worden war, Zwillinge geboren hatte, rief sie Mars als Vater der ungewissen Nachkommenschaft aus, sei es, dass sie es so glaubte, oder weil ein Gott als Verursacher der Untat ehrenvoller war. Aber weder die Götter noch die Menschen befreien entweder sie selbst oder ihre Nachkommenschaft von der königlichen Grausamkeit: Die Priesterin wird gefesselt und in Gewahrsam gegeben, die Jungen lässt man in strömendes Wasser werfen. Der Tiber, der – von den Göttern vorherbestimmt –durch einen gewissen Zufall über seine Ufer getreten war, konnte wegen des langsam zurückfließenden Wassers auch nicht am Verlauf des richtigen Stroms begangen werden und gab den Trägern die Hoffnung, dass die Kindern in dem auch noch so trägen Wasser ertränkt werden könnten. So als hätten sie den Befehl des Königs ausgeführt, setzten sie die Kinder an der nächsten Stelle der Überschwemmung aus, wo jetzt der Feigenbaum der Ruminalis steht, man sagt sie habe Romularis geheißen. Die Verlassenheit in diesen Gegenden ist unermesslich. Die Überlieferung hält daran fest, dass, nachdem das seichte Wasser im Land von dem auf den Wasser treibenden Trog, in dem die Kinder ausgesetzt wurden, abließ, eine dürstende Wölfin aus den Bergen, die im Umkreis liegen, ihre Richtung auf das Geschrei der Kinder hin ausgerichtet hat; diese hielt den Kindern ihre Zitzen, die sie hinuntergelassen hatte, so friedlich hin, dass ein Hirte der königlichen Herde – man sagt, dass sein Name Faustulus war – sie fand, wie sie die Kinder mit der Zunge ableckte. Von diesem wurden sie auf dem Hof Larentia, seiner Frau, übergegeben, um sie groß zu ziehen. Es gibt Leute, die glauben, dass Larentia „Wölfin“ genannt wurde, weil ihr Körper für jeden zu haben war; deswegen ist der Wundergeschichte Raum gegeben worden. So aufgewachsen und so erzogen durchstreiften sie, als plötzlich die Zeit reif war, weder in den Ställen noch bei der Herde faul, die Gebirgswälder. Dadurch dass sie dann an körperlicher und geistiger Kraft erstarkt waren, leisteten sie nicht mehr nur den wilden Tieren Widerstand, sondern griffen die Räuber an, die mit Beute beladen waren und teilten das Geraubte mit den Hirten und feierten mit diesen ernste und lustige Dinge, während das Gefolge der Jungen Männer von Tag zu Tag wuchs.

Autor: pseudoirrealis