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Epistulae - Buch 1, 06

Nichts zu bewundern, das ist eigentlich die einzige Sache, Numicius, welche allein einen glücklich machen und auch bleiben lassen kann. Diese Sonne und die Sterne und die in sicheren Zeitabständen abfallenden Zeiten soll man durch keinen Schrecken geplagt betrachten: Was hältst Du von den Geschenken der Erde (5), was von den die weit entfernten Inder und Araber bereichernden Spielereien des Meeres, was der Applaus und die Gunst des Freundes Quiritius, auf welche Weise sollen sie betrachtet werden, was meinst Du, mit welcher Einstellung, mit was für einem Blick? Wer fürchtet, dass diesen etwas zustößt, bestaunt ebendiese fast genauso wie der, der sie begehrt: (10) Angst ist, wo auch immer sie ist, beschwerlich, ein unvorgesehener Anblick erschreckt beide zugleich. Ob jemand sich freut oder nicht, begehrt oder fürchtet, was tut das zur Sache, wenn er, sieht er irgendetwas – besser oder schlechter als er es erwartet hatte –, erstarrt am Körper und Geist mit angehefteten Auge? (15) Der Weise trägt den Namen des Irren, und der Gerechter den des Ungerechten, wenn er die Weisheit selbst - mehr als ausreichen würde -erstrebt. Geh nun, erblicke Silber und alten Marmor, Erzstatuen und Kunstwerke, bewundere die mit Edelsteinen versehenen tyrischen Farben. Genieße, dass tausend Augen Dich als Redenden anschauen. Gehe früh morgens geschäftig zum Forum und spät abends nach Hause (20), damit Mutus nicht mehr Getreide von den spendenden Feldern mähe und (Schande, dass er aus schlechterem Hause!) dieser von dir eher bewundert sei als Du von ihm. Was auch immer unter der Erde liegt, die Zeit wird es ans Tageslicht bringen, wird Glänzendes begraben und bedecken. (25) Auch wenn das Tor Agrippas, die Via Appia Dich als gut bekannten erblickt haben wird, trotzdem bleibt Dir noch der Weg, wo Numa und Ancus hinabgingen. Wenn Deine Seite und die Nieren durch eine plötzliche Krankheit angegriffen werden, suche nach der Flucht von der Krankheit: Du willst richtig leben – wer will das nicht? (30) Wenn Dir das als einziges die Tugend geben kann, mach Dich ans Werk und lass die Genüsse beiseite! Wenn Du glaubst, Tugend seien Worte und der göttliche Hain bestünde nur aus Holz: Pass auf, dass kein anderer den Hafen besetzt, dass Du nicht Cibyraticinische, nicht Bithynische Geschäftspartner verlierst; rund tausend Talente hast Du, noch mal so viel daneben und das dritte kommt gleich dazu, und der Haufen hier macht es vierfach (35). Natürlich, eine Gattin mit Mitgift und Kredit dazu, auch Freunde, einen guten Stand, Schönheit schenkt Dir Königin Pecunia, und auch die Redegewandtheit und Venus dekorieren den Betuchten wohl. Der König der Kappadokier hatte kein Geld, war aber reich an Kaufsklaven: Dass Du mir nicht wirst wie er! Lucullus, so sagt man (40), ist gefragt worden, ob er hundert Mäntel dem Theater zur Verfügung stellen könnte: „Wer könnte soviel?“ sagt er; „Trotzdem will ich sowohl danach suchen als auch das, was ich habe, schicken.“ Kurz danach schreibt er dass er fünftausend Mäntel zu Hause hätte; einen Teil oder gar alles werde er bringen. (45) Das Haus ist arm, in dem nicht viel übrig ist, das sowohl den Herren entgeht und den Dieben nur nützt. Wenn also Geld Dich allein glücklich machen und lassen kann, sollst Du die Arbeit als erster anstreben und diese als letzter aufhören. Wenn Ansehen und Ruhm den Glücklichen auszeichnet, (50) so lass uns einen Sklaven kaufen, der uns alle Namen sagt, der uns in die linke Seite zwickt und uns dazu bringt, über die Straßenpflasterung die Hand auszustrecken: „Dieser ist berühmt in Fabia, jener in Velina; dieser gibt die Rutenbündel an wen er auch will und entreißt rücksichtslos das kurulische Elfenbein von wem auch immer er will.“ Bruder, Vater füge hinzu; wie irgendeiner das Alter hat, so nehme er artig Deinen Redefluss an (55). Wenn der, der gut isst, auch gut lebt, leuchtet er: lass uns dahin gehen, wo uns der Gaumen hinführt, lass uns fischen, jagen, wie einst Gargilius, - der früh am Morgen die Netze, die Jagdinstrumente, die Sklaven durchs gefüllte Forum und Volk hindurchzugehen trieb, zurücktragen sollte, während die Leute gafften (60), einen gekauften Eber allein eines der vielen Maultiere, - lass uns Vollgestopfte und Angeschwollenen waschen, was sich gehört und was nicht, vergessen, würdig des caeresischen Wachses, wie das lasterhafte Ruderpack des Ithakers Odysseus, welchem lieber als das Vaterland die verbotenen Begierde waren. Wenn, wie Mimnermus glaubt, nichts ohne Liebe und Scherz angenehm ist, lebe Du in Liebe und Scherz (65). Lebe, lebe wohl. Falls Du etwas weißt, das richtiger ist als dieses, sag es frei heraus; wenn nicht, bedien Dich dieser Auffassung mit mir zusammen.

Autor: jauchi