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Epistulae - Buch 1, 02

Den Verfasser des troianischen Krieges habe ich, während Du, Lollius Maximus, in Rom zu reden übst, wieder einmal gelesen: Dieser hat das, was schön, was hässlich, was nützlich und was nicht, fließender und besser benannt als Chrysipp und Crantor. Warum ich so denke, höre nun, wenn Dich nichts aufhält.(5) Die Geschichte, in der erzählt wird, wie wegen der Liebe des Paris Griechenland mit den Barbaren in einen langen Krieg egriet, beinhaltet die Leidenschaft dummer Könige und Völker. Antenor will den Kriegsgrund zuallererst zu tilgen. Was macht Paris? Er behauptet, nicht gezwungen werden zu können, (10) vernünftig und zu herrschen und glücklich zu leben. Nestor ist eilends bemüht den Zwist zwischen Peliden und Atriden beizulegen. Diesen befällt die Liebe, (15)Zorn sogar entbrennt beiden gemeinsam: Was für einen Unsinn auch immer die Könige tun, die Achiver müssen es aushalten. Durch Streit, Listen, Verbrechen und auch Begierde sowie Zorn wird inner- wie außerhalb der ilischen Mauern gesündigt. Was wiederum Tugend und Weisheit vermag, stellt er uns in einem nützliches Beispiel – nämlich Odysseus – vor. Dieser Bezwinger der troischen Stadt und umsichtige vieler Menschen Städte und Sitten erforscht und hat, (20) während er sich, während er seinen Gefährten die Rückkehr bescheren will, weit übers Meer viele Gefahren ertragen, unversenkbar in den dem Schicksal zugewandten Wellen. Die Stimmen der Sirenen und die Becher der Circe kennst Du: Wenn er diese mit seinen Gefährten dumm und begierig getrunken hätte, wäre er unter der Herrin, der Hure, gewesen, (25) hässlich und grausam hätte er als schmutziger Köter oder als Schwein, das den Dreck liebt, gelebt. Wir sind Nullen, geboren, die Früchte zu genießen, gleich den Freiern der verlobten Penelope, und gleich dem jugendlichen Gefolge des Alkinoos, um die zu pflegende Haut mehr bemüht als notwendig, dem es angenehm ist, (30)mitten in den Tag zu schlafen und bei Gitarrenklängen sich in den verzögerten Schlaf zu geleiten. Um einen Menschen zu töten, erheben sich des Nachts die Räuber: Um Dich selbst zu retten, willst Du nicht aufstehen? Aber wenn Du nichtgesund sein willst, läufst Du, wenn Du wassersüchtig bist; und wenn Du nicht vor Tagesanbruch mit Licht ein Buch ergreifst, (35) wenn Du Dich nicht deinen Kopf mit Studien und ehrenhaften Dingen anstrengst, werden sie Dich durch Neid und Gier quälen. Warum bemühst Du Dich eigentlich, das, was dem Auge stört, wegzunehmen: aber wenn Deinen Geist etwas schmerzt, schiebst Du es zur Sorge auf bis in alle Zeit? Die Hälfte der Tat hat der, der angefangen hat: (40) Wage, deinen Verstand zu benutzen, beginne! Wer die Stunde des richtigen Lebens abwartet, macht es wie der Bauer, der den herabfließenden Fluss abwarten will: Aber jener gleitet und wird in alle Ewigkeit wirbelnd dahin gleiten. Es wird Geld verdient und man sucht eine glückliche Frau zum Zeugen von Kindern, (45) unbebaute Wälder werden mit dem Pflug geebnet: Wer genug hat, soll nichts Weiteres verlangen. Kein Haus und kein Grundstück, kein Geld- oder Goldhaufen, hat das Fieber vom Körper des kranken Herren genommen, nicht von der Seele die Sorgen. Der Besitzer muss gesund sein,( 50) wenn er vorhat die herangeschafften Güter wohl benutzen zu wollen. Wer verlangt oder fürchtet, dem nützt Haus und Geld soviel wie dem Blinden gemalte Bilder, dem Gichtkranken Umschläge, den durch angesammelten Schmutz schmerzende Ohren Gitarrenklänge. Wenn das Gefäß nicht sauber ist, wird, was Du auch hineingießt, sauer. Leg ab die Begierden: (55)Mit Schmerz gekaufte Begierde schadet nur. Immer fehlt dem Geizigen etwas: setze dem Wunsch eine fest Grenze. Der Neider schrumpft an den fetten Geschäften des anderen: Die sizilischen Tyrannen haben keine größere Qual gefunden als den Neid: Wer den Zorn nicht zügelt, (60)will, dass ungeschehen gemacht werde, was Zorn und Gemüt geraten, als er mit Kraft sich um Strafen für den ungerächten Hass bemüht. Der Zorn ist eine kurzer Wahn: beherrsche Dein Gemüt; wem er nicht gehorcht, den befiehlt er. Halte diesen mit Zügeln, mit Ketten beieinander. Der Lehrer erzieht das brave Pferd mit nachgebendem Hals dahin zu gehen, wohin der Reiter den Weg führt. Der Hund jagt in den Wäldern(65), sobald er das Fell in der Halle angebellt hat. Nun, Junge, trinke Du aus reiner Brust die Lehren, gib Dich jetzt den weiseren Dingen hin. Der Krug, in den einmal kürzlich eingegossen wurde, wird den Geruch lange noch behalten. Ob Du zögerst oder strebsam vorangehst(70), ich warte nicht auf den Langsamen noch laufe ich dem Vorauseilenden hinterher.

Autor: Joachim