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Epistulae - Buch 1, 01

Du von mir im ersten Werk genannter, von mir in der letzten Camena besungen werden sollst, Maecenas, Du willst mich, der schon ausreichend gesehen und schon durch den Stab beschenkt ist, auf ein Neues in das alte Spiel einbinden? Ich bin älter, ich hab ein anderes Gemüt. Veianus, nachdem er die Waffen an das Portal des Herkules gehängt hat, versteckt sich weit abgelegen auf dem Lande(5), um nicht das Volk sooft am Rande der Arena anflehen muss. Da ist einer, der mir immer wieder ins gereinigte Ohr tönt: „Befreie das alte Pferd klugerweise, sei vernünftig, damit es nicht am Ende zum Lachen aufrufend stolpert und schnauft.“ Daher lege ich jetzt Verse und übrige Spielereien beiseite(10); was wahr und was sich gehört, darum kümmere ich mich und danach suche ich, und darin allein gehe ich auf; ich knüpfe und stelle zusammen, was ich bald zur Schau bringen könnte. Und damit du nicht vielleicht fragst, durch welchen Lehrer, durch welche Schule ich gelehrt werde: keinem Lehrer hab ich mich hingegeben, auf dessen Lehren zu schwören; wo mich der Sturm auch hintreibt, werde ich als Gast aufgenommen(15). Mal werde ich aktiv und werfe mich ins politische Getümmel, als Wächter und Verfechter der wahren Tugend; mal gleite ich heimlich zu den Lehren Aristipps zurück, und ich bemühe mich, die Sache mir, und nicht den Dingen mich zu unterwerfen. Wie denen die Nacht lang erscheint, (20)welche die Freundin versetzt hat, wie den Tagelöhnern der Tag lang erscheint, wie das Jahr träge den Jungen, welche die strenge Fuchtel der Mütter belastet, so fließen die Zeiten mir langsam dahin, welche das Vorhaben und der Plan verzögern, das beschäftigt zu tun, was gleichermaßen Armen wie Reichen nützt(25), gleichermaßen als Vernachlässigtes Jungen wie Alten schaden wird. Es bleibt, dass ich mich selbst lenke und tröste mit diesen Stoffen. Du könntest mit dem Auge nicht so viel erreichen wie Lynkeus: Aber deswegen scheust Du Dich doch nicht, das trockene Auge zu befeuchten; und auch würdest Du, weil Du an den Muskeln des unbesiegten Glykons verzweifelst(30), Gichtknoten vom Körper zu verhindern suchen. Es ist weit voranzugehen, auch wenn Dir keine darüber hinausliegenden Dinge geben sind. Die Brust glüht vor Geiz und elender Begier: Es gibt Worte und Stimmen, durch die Du diesen Schmerz lindern und einen großen Teil der Krankheit vertreiben könntest(35). Durch Lieb zum Lob schwillst Du an: Es gibt da gewisse Zaubersprüche, die Dich beim dreifachen sorgfältigen Lesen dieses Buches wiederherstellen werden können. Neidhammel, Wüterich, Faulpelz, Trunkenbold oder Liebhaber... niemand ist so wild dass er nicht milder werden könnte, wenn er nur ein geduldiges Ohr der Pflege liehe(40). Tugend ist, das Laster zu meiden und erste Weisheit, der Dummheit zu entsagen. Du siehst, mit wie viel Mühe und des Sinn und Verstandes du das meidest, von dem Du denkst, es sei das größte Übel: Kleines Gehalt und eine grausame Zurückweisung; strebsam eilst zu den weitentfernte indischen Grenzen als Kaufmann(45), die Armut fliehend übers Meer, über Felsen, durch Feuer: Um nicht sich um die Dinge, die du dummerweise bewunderst und ersehnst, zu sorgen, willst Du nicht lernen und hören und dem Weisen glauben? Lehnt es der Faustkämpfer, sich um Dörfer und Wegkreuzungen herumreibend, etwa ab, bei den Olympischen Spielen bekränzt zu werden, wenn ihm die Chance(50), die verlockende Möglichkeit gegeben wäre, und das ohne Beschmutzen der Handflächen? Silber ist weniger wert als Gold, was wiederum weniger wert ist als die Tugend. „Oh Bürger, Bürger, zuerst muss man Geld verdienen, nach den Münzen die Tugend!“ Das lehrt der hohe Janus von oben herab, das geben Jung und Alt wieder(55), um die linke Schulter gehängt Kästchen und Tafel; Du hast Verstand, bist anständig, redegewandt und treu, aber zu den 400000 fehlen Dir sechs, siebentausend: Zum einfachen Volk wirst Du gehören. Aber die Kinder sagen: „König wirst Du sein, wenn Du es richtig machst.“ Dies sei die eherne Mauer(60), keiner Sache Mitwisser sein, durch keine Schuld erblassen müssen. Sag ruhig, was besser ist: Das Roscische Gesetz oder der Gesang der Kinder, der denen, das es richtig machen, ein Königreich verspricht, das Lied, das von den männlichen Curien und Camillen schon gesungen wurde? Redet Dir denn der besser zu, der da: „Mach Geld, Geld(65), wenn Du kannst, ehrlich, wenn nicht, auf eine andere Art, Hauptsache Geld, damit Du die tränenhervorrufenden Stücke des Pupius aus nächster Nähe betrachten kannst!“ ruft oder der, der beistehend Dich, frei und erhobenen Hauptes, mahnt und wappnet, dem hochmütigen Schicksal entgegenzutreten? Wenn mich das römische Volk vielleicht fragen sollte(70), warum ich nicht wie die dieselben Säulen auch dieselben Meinungen teile, warum ich nicht dem, was es selbst liebt, folge, und das, was es hasst, meide: So würde ich antworten, wie einst die Füchsin, vorsichtig vor dem kranken Löwen, antwortet: „Weil mich die Fußspuren erschrecken, die alle dich anguckend hereingehen, aber keine heraus.“(75) Du bist eine Bestie mit vielen Köpfen. Denn was soll ich folgen, oder wem?
Ein Teil der Menschen bemüht sich öffentliche Pachtgelder einzutreiben; andere gibt es, die mit Leckerbissen und Früchten geizige und alte Witwen jagen und einfangen, die sie dann in Käfige sperren; Vielen wächst das Vermögen durch verborgenen Zins(80). Aber sei es drum, dass andere mit anderen Mitteln und Mühen ihr Geld verdienen: Können dieselben für eine Stunde das gleiche gutheißen? „Keine Bucht auf der Welt überleuchtet die lieblichen Baiischen!“ sagt der Reiche, See und Meer spüren die Sorgfalt des eifrigen Bauherren; wenn diesem eine neidische Begierde(85) aber eine andere Eingebung eingepflanzt hat, „Morgen, Handwerker, tragt ihr di Werkzeuge nach Teanum“ Das Junggesellenbett steht in der Halle (Atrium), nichts, sagt er, sei hervorragender, nichts besser als das Leben eines Alleinstehenden; wenn es aber nicht so ist, schwört er, dass es allein den Ehemännern gut ginge. Mit welchem Knoten soll ich nun das wechselnde Gesicht des Proteus festhalten?(90) Und was macht der Arme? Lach nur, Er wechselt das Esszimmer, die Betten, das Bad, die Friseure, und segeln tut er nach dem Kauf eines Bootes gleich dem Reichen, den allerdings eine dreirudriges Privatschiff geleitet. Wenn ich geschnitten vom Friseur ungleiche Haare tragend Dir begegne, lachst Du, wenn zufällig ein schmutziges Unterhemd aus der feinen Tunica ragt, oder wenn die Toga ungleich hängt, lachst Du. (95)Was? Wenn meine Gesinnung mit sich selbst kämpft, was sie wollte, abweist, was sie kürzlich weglegte, wiederholt, aufwühlt und verwirrt meines Lebens ganze Ordnung, abreißt und aufbaut, das Quadrat zu einem Kreis macht?(100) Du hältst mich für ganz gewöhnlich verrückt, weder lachst noch meinst Du, dass ich eines Arztes oder eines vom Prätor gesandten Pflegers bedürfe auch wenn Du meiner Dinge Hüter bist und Dich sorgst wegen eines schief geschnittenen Nagel Deines von Dir abhängigen, Dich respektierenden Freundes.(105) Alles in Allem: Der Weise ist allein neben Jupiter kleiner, reich ist er, frei, geehrt, schön, Letztlich König der Könige, vor allem gesund, wenn ihn nicht gerade ein Schnupfen quält.

Autor: Joachim