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Carmen - Buch 4, 07 (Vergänglichkeit)

Verschwunden sind die Schneemassen, schon kehren die Gräser auf die Felder und das Laub auf die Bäume zurück; die Erde ändert ihr Aussehen und die zurückgehenden Flüsse gleiten an den Ufern vorbei; die Grazie mit den Nymphen und ihre beiden Schwestern wagt es, nackt die Reigen anzuführen. Hoffe nicht auf ewiges Glück, es warnt der Lauf des Jahres und die Stunde, die den freundlichen Tag dahinrafft. Die Fröste lassen durch die Westwinde nach, den Frühling besiegt den Sommer, der selbst zugrunde gehen wird, sobald der obsttragende Herbst die Früchte ausschüttet und bald kehrt der starre Winter wieder. Ihr Schwinden am Himmel machen die schnellen Wechsel des Mondes wieder gut: Sobald wir aber in die Unterwelt hinabgesunken sind, wohin der Vater Aeneas, wohin der reiche Tullus und Ancus (hinabgesunken sind), sind wir Staub und Schatten.

Wer weiß, ob die Götter dem Heute ein Morgen hinzufügen? Alles wird den gierigen Händen deines Erben entgehen, was du deinem lieben Ich gegeben hast. Wenn du einmal gestorben bist und Minos über dich seinen berühmten Richterspruch gefällt hat, dann wird ich, Torquatus, weder dein Adel, noch deine Redegewandtheit noch dein pflichtbewusstes Verhalten ins Leben zurückrufen. Weder Diana befreit den keuschen Hippolytus aus der unterirdischen Finsternis, noch vermag Theseus die letheischen Fesseln dem teuren Pirithous sprengen.

Autor: OstR. Prof. Mag. Dr. Franz KREMSER