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Orator - 011-019

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Und ich sehe, dass dieser mein erster Anfang nicht aus rhetorischen Erörterungen hergeleitet ist, sondern mitten aus der Philosophie stammt und dass dieser, freilich sowohl veraltet als auch dunkel, entweder irgendetwas des Tadels oder gewiss der Bewunderung hervorbringen wird. Denn entweder werden sie sich wundern, was dieses mit diesem zu tun hat, was wir suchen – diesen wir die erkannte Sache selbst genug sein, sodass sie nicht ohne Grund weit ausgeholt zu sein scheint – oder sie werden tadeln, weil wir unbenutzte Wege aufsuchen, ausgetretene Wege verlassen.

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Auch ich erkenne jedoch, dass ich oft neues zu sagen scheine, während ich sehr altes sage, aber von den meisten ungehörtes, und ich gestehe, dass ich ein Redner, wenn ich nur einer bin oder auch irgendeiner bin, nicht aus den Werkstätten der Rhetoren, sondern aus den Hallen der Akademie geworden bin. Jene sind nämlich Felder vielfältiger und verschiedener Gespräche, in denen zuerst die Spuren Platons eingedrückt wurden. Aber der Redner wurde besonders durch sowohl die Untersuchungen dessen als auch der anderen Philosophen kritisiert und gefördert –die ganze Fülle und gleichsam das Baumaterial des Sprechens wurde von diesen hergeleitet – und ist dennoch nicht genug unterwiesen worden für die Gerichtsreden, die sie, wie sie selbst zu sagen pflegten, den ländlichen Musen zurückließen.

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So entbehrte diese Beredsamkeit des Forums, weil jene von den Philosophen verschmäht und verachtet worden war, gewiss vieler und großer Hilfsmittel, aber dennoch fand sie, geschmückt mit Worten und Gedanken, Bewunderung beim Volk und fürchtete nicht sehr das Urteil und den Tadel der wenigen: So fehlte sowohl den Gelehrten beliebte Beredsamkeit als auch den Redegewandten eine richtige Lehre.

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Es sei also besonders festgelegt, was später mehr verstanden werden wird, dass der Redner, den wir suchen, ohne Philosophie nicht hervorgebracht werden kann, nicht so jedoch, dass alles auf dieser beruht, sondern dass sie so hilft, wie das Körpertraining dem Schauspieler; die kleinen Dinge werden nämlich oft besonders richtig mit den großen verglichen. Denn ohne Philosophie kann ein gewisser nicht weiter und reichlicher von großen und verschiedenen Dingen sprechen.

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– wenn jedenfalls auch Socrates in diesem Phaedros des Platon, dass Pericles sich vor den übrigen Rednern durch dieses ausgezeichnet hat, weil dieser der Hörer des Naturphilosophen Anaxagoras war. Er denkt, dass dieser von ihm sowohl anderes gewisses herausragendes und großartiges gelernt hat, als auch dass er ein ergiebiger und reicher und kundiger Redner geworden ist, was das höchste der Beredsamkeit ist, mit welchen Arten der Rede auch immer die Teile der Geister ausgesprochen werden. Dieses selbe kann von Demosthenes gemeint werden, aus dessen Briefen erkannt werden kann, was für ein regelmäßiger Zuhörer des Platon er war –

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aber wir können nicht ohne Schulung der Philosophen die Gattung und Art jeder Sache unterscheiden und diese nicht durch Eingrenzung bestimmen und nicht in Teile teilen, und nicht entscheiden, was wahr und was falsch ist, nicht Folgerungen unterscheiden, Widersprüche sehen, Doppeldeutiges unterscheiden. Was will ich über die Natur der Dinge, deren Kennenlernen die große Fülle der Rede verleiht, sagen? Glaubst du, dass ohne gründliche Schulung dieser Sachen selbst vom Leben, von den Pflichten, von der Tugend, von den Sitten entweder gesagt oder erkannt werden kann?

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Zu diesen so vielen und so beschaffenen Dingen müssen unzählige Schmuckmittel hinzugezogen werden. Diese allein wurden dann gewiss von diesen überliefert, die als Rede-Lehrer gezählt werden; dadurch geschieht es, dass niemand jene wahre und vollkommene Beredsamkeit erreicht, weil die eine die Lehre des Erkennens, die andere die Lehre des Sagens ist und von den einen die Lehre der Sachen, von den anderen die Lehre der Wörter untersucht wird.

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Daher bejaht M. Antonius, dem das Zeitalter unserer Vorfahren auch den ersten Rang der Beredsamkeit zuteilte, ein in der Natur scharfsinniger und kluger Mann, in diesem Buch, das er als einziges zurückließ, dass er viele Redegewandte gesehen hat, keinen wirklichen Redner. Ein Idealbild der Beredsamkeit prägte sich offenbar in dessen Gesinnung ein, das er im Geist erkannte, in Wirklichkeit sah er es nicht. Der Mann jedoch, von scharfsinnigster Begabung, sah – so war es nämlich – vieles sowohl bei sich als auch bei anderen vermissend niemanden deutlich, der rechtmäßig ein Redner genannt werden konnte.

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Wenn jener also weder sich noch L. Crassus für einen Redner hielt, hielt er ein gewisses Idealbild der Beredsamkeit in seinem Geist tatsächlich erfasst; in dieses konnte er, da ja nichts fehlte, diese, denen irgendetwas oder mehreres fehlte, nicht in diese Form mit einschließen. Denjenigen also wollen wir untersuchen, Brutus, wenn wir können, den Antonius niemals sieht oder der im Allgemeinen niemals gewesen ist. Wenn wir diesen nicht nachahmen oder darstellen können, was jener selbe sagte, dass es kaum einem Gott gegeben ist, werden wir aber vielleicht sagen können wie es sein muss.

Autor: kathinka (Forum)