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De Inventione - Buch 1, Kap. 1-2

Kapitel 1
Oft und intensiv habe ich darüber nachgedacht, ob die Fähigkeit zu reden und der starke Drang zur Redekunst den Menschen und den Bürgern Gutes oder eher Schlechtes gebracht haben. Denn sowohl wenn ich die Misserfolge unseres Staates betrachte als auch wenn ich mich an die vergangenen Katastrophen der größten Staa-ten erinnere, sehe ich nicht den geringsten Bruchteil an Schaden, der durch die Men-schen verursacht wurde, die äußerst redegewandt waren. Aber jedes mal wenn ich die Geschichten, die wegen der langen Zeit aus unserer Erinnerung weggeschafft wur-den, aus den Schriftstücken wieder zurückhole, verstehe ich mit der Vernunft meines Geistes dann umso leichter, dass viele große Städte, viele beendete Kriege, sehr sta-bile Staaten und unzertrennliche Freundschaften mit der Redekunst feindlich gegen-übergestellt werden.
Und eben diese Vernunft führt mich – freilich nach langer Überlegung – hauptsächlich dazu, dass ich glaube, dass die Weisheit ohne die Redekunst den Bürgern nur wenig nützt, aber dass die Redekunst ohne Weisheit meistens allzu sehr schadet und nie-mals von Nutzen ist. Wenn deshalb irgendjemand, weil er das äußerst redliche und ehrenhafte Streben nach Vernunft und Verpflichtung aufgegeben hat, seinen ganzen Fleiß darauf verwendet, reden zu üben, wird sich dieser, der für sich gefährlich ist, zu einem für den Staat verderblichen Bürger entwickeln. Wer sich aber mit der Bered-samkeit so bewaffnet, dass er sich dem Wohl des Vaterlandes nicht entgegenstellt, sondern für dieses zum Kampf vorrücken kann, der entwickelt sich – so scheint es mir – sowohl für seine als auch für öffentliche Angelegenheiten zu einem sehr nützlichen und ein sehr fähigen Bürger.

Kapitel 2
Und wenn wir die Grundlage dieser Sache, die Redekunst genannt wird, sei es die Grundlage der Fertigkeit oder des Strebens oder irgendeiner Übung oder die Grundla-ge der Fähigkeit, die von der Natur kommt, betrachten wollten, werden wir sehen, dass sie aus sehr ehrenhaften Gründen entstanden und aus den allerbesten Absich-ten hervorgegangen ist. Denn es gab eine bestimmte Zeit, als die Menschen überall auf den Feldern wie Tiere umherstreiften und sich mit einer wilden Lebensweise und nicht mit der Vernunft des Geistes durch das Leben schlugen, sondern das Meiste mit Muskelkraft bewältigten, es wurde noch nicht die Lehre der Götterverehrung und der Verpflichtung des Men-schen verbreitet, noch niemand hatte an gesetzmäßige Hochzeiten gedacht, keiner hatte geplante Kinder in Erwägung gezogen und man hatte das gleiche Recht nicht akzeptiert, obwohl es von Nutzen wäre. So wurde die Begierde des Menschen als blinde und unüberlegte Herrscherin aufgrund von Irrtümern und Unwissenheit dazu missbraucht, sich mit Muskeln weiter zu stärken, also mit äußerst verderblichen Be-gleitern. Zu dieser Zeit erkannte ein bedeutender und weiser Mann, was die Ursache dafür war und wie viel Vorteilhaftes in den Menschen wohnen würde, wenn irgendjemand diese hervorholen und es dem entnommenen besser zurückgeben könnte; dieser hat die Menschen, die sich auf die Felder und in die Wälder zurückgezogen hatten, an einem Ort zusammengetrieben und zusammengeschart; während er jede einzelne Sache als ehrenhaft und nützlich darlegte, widersprachen sie ihm zuerst wegen seiner Unver-schämtheit, aber dann hörten sie ihm aufgrund des vernunftgeprägten Vortrags umso eifriger zu und er machte aus wilden und schrecklichen sanfte und friedliche Menschen.

Autor: Pseudoirrealis